Sie werden sich schon einigen

Parteienstreit über Schulzeit am Gymnasium

Die Empfehlungen des Runden Tisches zu G8/G9 an die Landespolitik in NRW stammen vom 3. November 2014. Zweieinhalb Jahre vor der Landtagswahl schien das Thema politisch abgeräumt, Politik und Verwaltung machten sich daran, G8 verbindlich weiterzuentwickeln. Und hofften auf Ruhe. Falsch gedacht, denn inzwischen ist klar: Die Gymnasialzeit wird neu justiert.

Die Strukturvarianten, die den Landtagswahlkampf der Parteien bestimmen werden, wurden bereits 2014 am Runden Tisch erarbeitet:

  • Variante I: „6 plus 2“-Modell statt „5 plus 3“
  • Variante II: Gymnasien entscheiden selbst zwischen G8 und G9
  • Variante III: Parallelsysteme innerhalb einer Schule ermöglichen
  • Variante IV: vollständige Rückkehr zu G9

Variante I wird nicht mehr vertreten. Angesichts der Positionierung von SPD, CDU, FDP und den Grünen geht es im Kern darum, wie das Nebeneinander von G8 und G9 gestaltet werden soll. Dabei unterscheiden sich die Parteien vor allem in der Frage, wer die Wahl hat: Die Schulen oder die Schüler*innen beziehungsweise deren Eltern.

Ein Gymnasium

Wer das Nebeneinander von G8 und G9 bestmöglich gestalten will, der kann nur ein Modell wählen, das einen einheitlichen Rahmen für alle Gymnasien zur Grundlage hat. Allen Schüler*innen muss dabei die Gelegenheit gegeben werden, die Länge ihres Weges zum Abitur selbst wählen zu können. In aller Regel wird das dazu führen, dass Parallelsysteme innerhalb einer Schule ermöglicht werden, wie es am Runden Tisch formuliert wurde und wie es SPD, Grüne und FDP (im Y-Modell) nun vorschlagen. Angesichts der Übergangsquoten zum Gymnasium von teilweise 50 Prozent ist dieses Nebeneinander in der einzelnen Schule letzlich die notwendige gymnasiale Antwort auf die zunehmende Heterogenität der Schüler*innen. Gut, dass die Grünen nachgebessert haben. Der Vorschlag der unterschiedlich langen Zweige nach der sechsten Klasse scheint machbar –  individuelle Lernzeiten für jedes Kind sind ein spannendes Reformmodell, das an einzelnen Schulen zwar gut funktioniert, aber die Mehrzahl der Gymnasien überfordern würde.
Die Forderung von CDU und FDP nach einem Wahlrecht der Schulen ist nicht zielführend. Die Konkurrenz unter Schulen würde unheilvoll zunehmen, beruflich mobile Eltern wären vor unlösbare Probleme gestellt, wollten sie vom Wohnort mit ausschließlich einem G8-Gymnasium in einen mit ausschließlich G9-Gymnasien umziehen. Wenn Sachverstand noch Gehör findet, sollten CDU und FDP Konsequenzen daraus ziehen, dass niemand am Runden Tisch 2015 für dieses Wahlrecht votiert hat.
Zudem müsste die Entscheidung über die Länge der Schulzeit am Gymnasium in der Klasse vier getroffen werden – viel zu früh.
Schon fast abenteuerlich ist der Vorschlag der FDP, nach vier bis fünf Jahren könne ein Gymnasium neu votieren – mit Zweidrittel-Mehrheit in der Schulkonferenz und nur im Benehmen mit dem Schulträger. Verlässliche Schulentwicklung und Schulentwicklungsplanung geht anders.

Konsens möglich

Mit zwei absehbaren Neuregelungen werden sich zentrale Forderungen der GEW NRW erfüllen.

  • Es ist absehbar, dass die sechs Jahre umfassende Sekundarstufe I wieder zur Regel wird. Käme das Wahlrecht der Schulen, würde sich die große Mehrzahl für G9 entscheiden – das zeigt der Blick in andere Bundesländer. Käme es zu den Parallelsystemen in allen Gymnasien, würde sie an allen Schulen der Sekundarstufe I wieder sechs Jahre umfassen.
  • Die GEW NRW hat vehement und gut begründet die Einführung der zweiten Fremdsprache in der Klasse 6 kritisiert. Es ist zu erwarten, dass dies wieder korrigiert wird.

Gut, dass im Wahlkampf über die richtige Reform der Reform gestritten werden wird. Bei allem Wahlkampfgetöse können die Akteur*innen in den Schulen davon ausgehen, dass die Konzepte von SPD, FDP und das der Grünen schon jetzt einigungsfähig sind. Die CDU wird den etwas längeren Weg bis zum Konsens sicher gern zurücklegen, wenn es der Beteiligung an einer neuen Landesregierung dient. Politische Mehrheiten für ein Zurück zum alten Halbtagsgymnasium G9, wie es nicht nur die Bürgerinitiative(n) wollen, scheint zum Glück derzeit nicht mehrheitsfähig.

Michael Schulte
Geschäftsführer der GEW NRW

Foto: Saimen. / photocase.de

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