Seiteneinstieg: Potenziale nutzen – professionell qualifizieren

Seiteneinsteiger*innen machen Schule

Angesichts des dramatischen Lehrkräftemangels an den Schulen in NRW müssen Notmaßnahmen zur Unterrichtsversorgung greifen. Über 540 berufsfremde Seiteneinsteiger*innen haben zum neuen Schuljahr ihren Dienst angetreten und standen erstmals vor einer Klasse. Schon 2016 waren es bereits 579 und damit so viele wie in den Jahren 2013 bis 2015 zusammen.

Die Anzahl der Seiteneinsteiger*innen wird weiter steigen, weil erfahrene Kräfte in den wohlverdienten Ruhestand gehen und zu wenig  Nachwuchs aus den Universitäten und Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung die vakanten Stellen besetzen wird. Der demografische Wandel sorgt für zusätzlichen Bedarf, weil künftig mehr Kinder zur Schule gehen werden als ursprünglich prognostiziert. Die GEW NRW warnt schon lange vor dieser misslichen Situation und erwartet entschlossenes Handeln von der Landesregierung. Schulministerin Yvonne Gebauer drängt auf schnelle Lösungen. Aber was hat sie zu bieten?
Großen Bedarf haben vor allem die Grund- und Förderschulen sowie die Berufskollegs. Letztere haben viel Erfahrung mit der Integration von Seiteneinsteiger*innen in den Schulbetrieb, schließlich fehlten dort immer Lehrkräfte in den beruflich-technischen Fächern und – wie auch an den anderen Schulformen – in den MINT-Fächern. Die Erfahrungen sind zwiespältig: Insbesondere der berufsbegleitende Seiteneinstieg ist extrem belastend. Zwar verfügen die Kolleg*innen über die fachliche Qualifikation, aber der schulische Alltag, die konkrete Situation in der Klasse mit 30 Schüler*innen ist anders als die Arbeit im Betrieb oder Büro und wird von Seiteneinsteiger*innen häufig unterschätzt. Ein „pädagogisches Händchen“ ist nicht jeder*m gegeben, der Umgang mit Schüler*innen eine echte Herausforderung. Nicht immer können die Kolleg*innen pädagogische Hilfestellung geben, denn sie haben bei allem guten Willen selbst viel zu tun. Andererseits gibt es, zumal an den Berufskollegs, jede Menge positive Erfahrungen, die zeigen, dass eine differenzierte Bewertung erforderlich ist.
Laut Angaben des Schulministeriums kann der Lehrer*innenbedarf an Grundschulen zu den nächsten Einstellungsrunden nur noch mit etwa einem Drittel durch ausgebildete Lehramtsabsolvent*innen gedeckt werden. Schon jetzt kommen hier immer häufiger Seiteneinsteiger*innen zum Einsatz, oft aus dem Bewerber*innenüberhang von Gymnasial- und Gesamtschulabsolvent*innen. Kritik und Unbehagen sind groß, denn gerade zu Beginn der Schullaufbahn sollen qualifizierte Grundschulpädagog*innen beste Bildung bieten. Es ist ein Unterschied, ob Kindern basale Lernkompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen –
oder die Literatur der deutschen Klassik oder die Geschichte der Weimarer Republik vermittelt werden. Dafür braucht es die jeweils entsprechende Qualifikation.
Deshalb setzt sich die GEW NRW für eine umfassende und rechtzeitige Qualifizierung der Seiteneinsteiger*innen ein, insbesondere mit Blick auf Pädagogik und Didaktik. Nichts wäre fataler, als mangelhaft unterrichtete Schüler*innen, überforderte Lehrkräfte sowie frustrierte und letztlich gescheiterte Seiteneinsteiger*innen. Der berufsbegleitende Vorbereitungsdienst schafft die günstigsten Voraussetzungen für eine Win-win-Situation, wenn er die Potenziale der motivierten Seiteneinsteiger*innen nutzt, transparent und fair gestaltet ist, zeitlich entzerrt, mit Umsicht begleitet und mit klarer Professionalisierungsperspektive versehen wird. Das bedeutet auch eine dem erworbenen Lehramt adäquate Bezahlung und möglichst die Übernahme ins Beamt*innenverhältnis. Eine Zwei-klassengemeinschaft im Lehrerzimmer darf es nicht geben.


Berthold Paschert
Pressesprecher und Referent für Lehrer*innenbildung der GEW NRW

Foto: Luminanz / photocase.de

 

Seiteneinstieg: Die Modelle im Überblick

Berufsbegleitender Vorbereitungsdienst
Gemäß „Ordnung zur berufsbegleitenden Ausbildung von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern und der Staatsprüfung“ (OBAS) absolvieren Seiteneinsteiger*innen, die einen nicht lehramtsbezogenen Hochschulabschluss und mindestens zweijährige Berufserfahrung oder Kinderbetreuung vorweisen, eine 24-monatige, berufsbegleitende Qualifikation in zwei Unterrichtsfächern oder beruflichen Fachrichtungen. Währenddessen sind sie an der Schule befristet als Tarifbeschäftigte angestellt. Voraussetzung ist eine positive Prognose über den Ausbildungserfolg im Rahmen des Auswahlverfahrens. Außerdem müssen die für die Unterrichts- und Erziehungstätigkeit erforderlichen deutschen Sprachkenntnisse nachgewiesen werden. Damit gibt es weitgehend vergleichbare Professionalisierungsperspektiven für den Lehrberuf. Allerdings sind die sechs Anrechnungsstunden, die Seiteneinsteiger*innen während der gesamten Ausbildungszeit erhalten, zu gering und die verbleibende selbstständige Unterrichtsbelastung zu hoch.

Pädagogische Einführung
Die pädagogische Einführung soll Seiteneinsteige-r*innen ohne Lehramtsbefähigung gemäß Lehrerausbildungsgesetz (LABG) auf ein Dauerbeschäftigungsverhältnis als Tarifbeschäftigte*r vorbereiten. Nach einer zwei- bis dreimonatigen Orientierungsphase ab Schuljahres- oder Schulhalbjahresbeginn folgt eine neunmonatige Intensivphase – beides gestaltet durch die Schule und das Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL). Die Einführung endet mit einer Bescheinigung des ZfsL über die absolvierte Intensivphase. Mit dieser unzureichenden Qualifizierung geht eine schlechtere Bezahlung einher.

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