Generation Y: Schon beim Berufsstart die Rente im Blick

Schutz vor Altersarmut für die Generation Y

Angehörige der jungen Generation wachsen in unruhigen Zeiten auf. Von einer vorhersehbaren „Normalbiografie“ kann bei ihnen im Unterschied zu den Eltern, die meist der Generation der Babyboomer angehören, nicht mehr die Rede sein. Schlimmer noch: Ihre Rente ist nicht mehr automatisch sicher.

Für die heute 20 bis 30 Jahre alten jungen Leute, oft als Angehörige der „Generation Y“ bezeichnet, sind die Anforderungen an die individuelle Gestaltung des Lebenslaufs erheblich gestiegen. Wann sie in den Beruf kommen und welche Laufbahn darin möglich ist, ist ungewiss. Entsprechend sind auch die Familienpläne offen und die Rente nicht mehr automatisch sicher.
Der Hintergrund: In Deutschland hat der Gesetzgeber zur Jahrtausendwende die bis dahin für die Alterssicherung vorherrschende gesetzliche Rentenversicherung zu einer Teilversicherung herabgestuft, die im Alter nur noch 45 Prozent des vorherigen Einkommens als Altersbezug garantiert. Die Gründe sind nachvollziehbar: Das dieser Versicherung zugrunde liegende Umlageverfahren reicht nicht mehr aus, um der älteren Generation einen sicheren Ruhestand zu finanzieren. Der Anteil der Rentner*innen ist wegen eines früheren Eintritts in den Ruhestand und der aus demografischen Gründen sinkenden Zahl von Erwerbstätigen stark angewachsen. Der Gesetzgeber hat deshalb neben der ersten Säule der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) die zweite Säule der betrieblichen Altersvorsorge (bAV) und die dritte Säule der privaten Altersversicherung wie beispielsweise die Riester-Rente und ähnliche Produkte eingeführt.
Die Konsequenz: Wer heute in das Berufsleben eintritt, muss sofort an seine Altersvorsorge denken. Junge Erwachsene können heute nicht mehr damit rechnen, dass sie wie ihre Eltern beim Austritt aus dem aktiven Erwerbsleben von den Zahlungen der gesetzlichen Rentenversicherung leben können. Sie sind darauf angewiesen, schon so früh wie möglich auf eigene Initiative eine betriebliche und zusätzlich möglichst auch eine private Rentenversicherung abzuschließen.

Junge Erwachsene sorgen zwar vor, sparen aber noch viel zu wenig

Wie ist es um die Kompetenz der jungen Generation zur Bewältigung dieser Entwicklungsaufgabe „Wirtschaften und Vorsorgen“ bestellt? Dieser Frage gehen die vom paritätischen Versorgungswerk MetallRente, einem Gemeinschaftswerk der Gewerkschaft IG Metall und des Unternehmensverbandes Gesamtmetall, in Auftrag gegebene Studien „Jugend, Vorsorge, Finanzen“ nach. Die Untersuchungen basieren auf der Befragung einer für das gesamte Bundesgebiet repräsentativen Stichprobe von 2.500 17- bis 27-Jährigen, die alle drei Jahre durchgeführt wird, zuletzt im Jahr 2016.  
Das wichtigste Ergebnis ist: Die junge Generation von heute geht grundsätzlich erstaunlich konzentriert und konstruktiv mit der Entwicklungsaufgabe des Wirtschaftens und Vorsorgens um. Eine Mehrheit der Befragten spart regelmäßig, knapp ein weiteres Drittel ab und zu. Unter den Sparer*innen spielt neben größeren Anschaffungen und Vorsorge gegen Unvorhersehbares die Altersvorsorge die drittwichtigste Rolle. Das ist die gute Nachricht.
Die schlechte ist, dass trotz dieser Bereitschaft die jungen Leute erkennbar an die Grenzen ihrer eigenen Planungskompetenzen stoßen. Sie sparen viel zu wenig und sie fühlen sich zu jung, um schon planerisch an die ferne Zukunft zu denken. Sie sind sich vor allem unsicher, wie ihre wirtschaftliche und finanzielle Lage in 40 oder 50 Jahren sein wird. Insgesamt fühlen sie sich überfordert damit, in Zeiten unsicherer Geldanlagen nach der globalen Finanzkrise und den damit einhergehenden völlig unberechenbaren Zukunftschancen bereits beim Berufseintritt Entscheidungen für die künftige Alterssicherung treffen zu müssen – und dann auch noch in eigener Verantwortung.
Aus entwicklungspsychologischer und soziali-sationstheoretischer Perspektive ist das nachvollziehbar. Die Anforderung, mit 25 Jahren an die Zeit mit 65 zu denken, geht weit über das bisher übliche Ausmaß von Strategien der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben in diesem Lebensabschnitt hinaus. Von ihrer Entwicklungsdynamik her stecken die Berufsanfänger*innen in der Phase des Lebenszyklus, in der sie an die Realisierung von Plänen für eine erste Wohnungsausstattung, ein Fahrzeug, ein Studium oder auch schon die Gründung einer Familie denken und dafür – vor oder am Anfang der Erwerbsphase – Kredite  aufnehmen oder sich privat Geld leihen. Sie möchten ihr Geld für Dinge ausgeben, die im Hier und Jetzt liegen. Dazu gehören die Bildung und die Ausbildung, der Urlaub, eine Wohnung, die Gründung einer Familie. Das sind Themen, die sozusagen an der nächsten Biegung des eigenen Lebensweges liegen. Diese Biegung kann man noch einsehen, wenn man in die Zukunft blickt. Im Gegensatz zu jenen Ereignissen, die wie die Pensionierung ganz am Ende des Weges liegen, und die letztlich mit dem eigenen Verfall zu tun haben.  

Auf die traditionelle Altersvorsorge ist in Zukunft kein Verlass mehr

Die Folge: Zu wenige junge Menschen sorgen vor, obwohl das für sie heute objektiv notwendig ist. Die Finanzkrise mit dem Höhepunkt im Jahr 2008 hat sie stark verunsichert. Sie halten es nicht für sinnvoll, auf eigene Faust Geld anzulegen, das dann über einen sehr langen Zeitraum nicht mehr angefasst werden kann. Dieses Geld, so haben sie erfahren, kann auf einen Schlag in einer Krise weg sein und steht dann für die Absicherung nicht mehr zur Verfügung.
Das alles ist nachvollziehbar – aber gefährlich. Heute leben etwa sechs Prozent der älteren Menschen in relativer Armut. Das heißt: Sie haben 60 Prozent weniger Verdienst als der Durchschnitt. Diese Zahl wird unvermeidbar steigen, denn das Niveau der gesetzlichen Rentenversicherung sinkt alle fünf Jahre um ein bis eineinhalb Prozentpunkte. Wer zur Generation der Babyboomer gehört, kann sich noch auf die traditionelle Alterssicherung verlassen. Fester Job, fester Wohnort, festere Rahmenbedingungen. Bei der jüngeren Generation ist das nur in Ausnahmefällen so.

Mischung aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Rente ist sinnvoll

Was ist zu tun? Erstens sollten Jugendliche und junge Erwachsene sehr viel besser als bisher über wirtschaftliche und finanzielle Strategien der Zukunftssicherung informiert und „vorsorge-kompetent“ gemacht werden. Diese Kompetenz kann sich aber nur entfalten, wenn die vorgefundenen Handlungsmöglichkeiten so beschaffen sind, dass sie den entwicklungsbedingten und lebensphasenspezifischen Perspektiven gerecht werden. Es geht also darum, viel stärker als bisher in die Schulung der Finanz- und Wirtschaftskompetenz, der im Amerikanischen sogenannten „financial literacy“, zu investieren. Der wirtschaftlichen und finanziellen Bildung der Kinder und Jugendlichen in Schulen, Berufsausbildung und Hochschulen sollte aus diesen Gründen viel größere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Die öffentlichen Bildungseinrichtungen werden dieser Rolle bisher nicht gerecht; sie bereiten den gesellschaftlichen Nachwuchs nicht auf die immer wichtiger werdende Bewältigung der Entwicklungsaufgabe „Wirtschaften und Vorsorgen“ vor.
Die zweite Forderung ist die Optimierung der Produkte und Prozeduren für die finanziellen Zukunftsdispositionen. Die MetallRente-Studie hat gezeigt, wie bereitwillig sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf die im Vergleich zu ihren Eltern schwierigere Situation einstellen. Es fehlen ihnen aber passende Angebote der Zukunftsvorsorge, die so zugeschnitten sind, dass sie die in der Lebensphase der Jugend möglichen Dispositionen berücksichtigen. Das gilt sowohl für die Art der Produkte der finanziellen Vorsorge, die in ihrem Format jungen Menschen sinnvoll und erstrebenswert erscheinen müssen – zum Beispiel indem sie Investitionen in Wohnungseinrichtung und Immobilien ermöglichen – als auch für die Prozedur der Auswahl dieser Produkte, die auf ihren entwicklungsbedingten Planungshorizont Rücksicht nehmen sollte – indem zum Beispiel die Angebote der betrieblichen Altersvorsorge und der privaten Altersversicherung verbindlich gemacht werden. Statt wie bisher die betriebliche Altersrente freizustellen, sollte sie zum Standardangebot gehören. Nur diejenigen, die es sich leisten können und bewusst so entscheiden, können dieses Angebot gezielt ablehnen. Durch ein solches Verfahren würde die Zahl der Rentenversicherten in dieser zweiten Säule sprunghaft ansteigen. Im Prinzip bräuchten wir einen solchen Mechanismus auch in der dritten Säule. Nur durch solche sinnvollen Automatismen kann der unerträgliche Druck von der jungen Generation genommen werden, sich schon beim Eintritt in das Berufsleben aktiv und in eigener Regie um die Rente zu kümmern.


Klaus Hurrelmann
Sozialwissenschaftler, Hertie School of Governance

Fotos: iStock.com / Eva Katalin Kondoros, dorosblack / photocase.de

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