G8 und G9: 30 Jahre Versuch und Irrtum

Kommentar: Bitteres Politikversagen bei G8 und G9

Bildungspolitiker*innen aller Parteien tragen es gebetsmühlenhaft vor: Schulpolitik müsse verlässlich sein, Experimente zulasten der Schüler*innen würden sich verbieten und die Umsetzung von angeblich stets wissenschaftlich begründeten und alternativlosen Reformen brauche Zeit. Also sind politische Entscheidungen der letzten Jahrzehnte zur Länge der Schulzeit am Gymnasium ein Desaster zulasten der Lehrer*innen und der Unterrichtsentwicklung.

Vor allem Arbeitgeber forderten in den 1990er Jahren massiv das generelle Abitur nach zwölf Jahren. 13 galten gar als Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. CDU und FDP gaben freudig Begleitschutz, SPD und die Grünen hielten zunächst dagegen. So versuchte Schulministerin Gabriele Behler, die generelle Schulzeitverkürzung 2001 durch eine Änderung der Ausbildungsordnung für die Sekundarstufe I (AO-S I) zu verhindern: Sie sah gesonderte Profilklassen vor, in denen die Inhalte der Jahrgangsstufe 11 in der Sekundarstufe I vorgearbeitet wurden. Ein Versuch, der nach vier Jahren obsolet war.

Viele Köche verderben den Brei

2005 beschlossen SPD und die Grünen ein Schulgesetz mit genereller Schulzeitverkürzung nach der Variante „10 + 2“: eine zweijährige Oberstufe, Wahrnehmung von Einführungsaufgaben der bisherigen Jahrgangsstufe 11 in der Jahrgangsstufe 10, optional an einigen Schulen eine neu definierte Jahrgangsstufe 11 für Schüler*innen mit Bedarf an besonderer Förderung. Diese Regelung war schulrechtlich nach 18 Monaten obsolet.
2006 waren CDU und FDP an der Reihe. Sie führten die Schulzeitverkürzung in der Variante „9 + 3“ ein – ausschließlich am Gymnasium. An der überhasteten und miserablen Einführung dieses Modells und den strukturellen Mängeln leiden die Schulen bis heute. Schwarz-Gelb beschloss 2006 im Übrigen auch die Einschulung mit fünf Jahren – eine weitere Maßnahme nach dem Motto „Kürzer ist besser“.
Nach vier Jahren – die Umsetzung war in vollem Gang – kam erneut ein Regierungswechsel und ein Ventil wurde geöffnet, um den Druck aus dem Kessel zu lassen. Schulen hatten im Rahmen eines begrenzten Modellvorhabens die Wahl zur Rückkehr zu G9. Die Nachfrage jedoch war gleich null. Schulen monierten die extrem kurze Bewerbungsfrist und votierten mehrheitlich dafür, G8 eine Chance zu geben – getäuscht vom Versprechen der Politik, die Umsetzung werde besser unterstützt und G8 möglich gemacht.

Retten, was zu retten ist

G8 wurde also von Rot-Grün als Regelfall beibehalten und Optimierung war angesagt. Wollte die damalige Schulministerin Sylvia Löhrmann 2014 bei der Einberufung des runden Tisches noch eine weitgehend ergebnisoffene Diskussion, war für die FDP klar, dass es nicht erneut jahrelange Umstrukturierungen geben dürfe. Unterzeichnet unter anderem von Yvonne Gebauer – im Juli 2017 zur Schulministerin ernannt – ermahnte die Partei die Landesregierung, sie solle keine Rückkehr zu einem vermeintlich „früheren G9“ einleiten, die erneut massive Unruhe und große Umsetzungsprobleme zur Folge haben würde. Ende 2014 verabschiedete der runde Tisch seine Empfehlungen: Mit deutlicher Mehrheit votierten die Teilnehmer*innen für ein Zehn-Punkte-Programm zur Weiterentwicklung von G8. Das Ministerium änderte schulrechtliche Vorgaben, die Schulen begannen mit der Umsetzung.

Alles auf Anfang?

Als der runde Tisch ein halbes Jahr vor der Wahl über die Zwischenbilanz beraten sollte, war klar, dass die Karten nach der Wahl neu gemischt werden würden. Wenn die neue Landesregierung nun ihre Pläne umsetzt, wird der Streit über die Länge der Schulzeit vor Ort ausgetragen, denn die Gymnasien sollen nun wieder die Wahl haben. Im Schuljahr 2027/2028 werden die ersten Schüler*innen Abitur machen, für die die neuen Regeln gelten sollen. So ist zumindest der Plan. Kollegien werden sich also wieder – neben allen anderen Neuerungen und notwendigen Reformen – mit der Umsetzung einer neuen Variante der Schulzeitverkürzung befassen müssen, sie werden mangelnde Unterstützung und unzureichende Bedingungen beklagen.
Eine Reform ist jetzt notwendig – keine Frage. Man könnte sich darüber freuen, wenn der schwarz-gelbe Kompromiss nicht genau die Lösung wäre, die am runden Tisch alle abgelehnt hatten. Man könnte auch gesellschaftspolitisch begrüßen, dass die Politik öffentlichem Druck nachgeben musste, wäre da nicht der fahle Beigeschmack einer Initiative mit bedenklichem Demokratieverständnis. So bleibt nur die Zufriedenheit darüber, dass Schwarz-Gelb nun vermutlich Ärger dafür bekommt, wie sie ihre im Grundsatz misslungene Variante der Schulzeitverkürzung selbst wieder abschaffen wollen.


Michael Schulte
Geschäftsführer der GEW NRW

Illustration: Sira Anamwong / shutterstock.com

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