GEW NRW: Mitgestalter*innen gesucht!

Mitgliederaktivierung und Willkommenskultur

Die GEW NRW hat sich für die nächsten Jahre ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: viele Mitglieder gewinnen und zur aktiven Mitarbeit motivieren. Auf dem Gewerkschaftstag in Essen haben wir im Auftrag der Kommission Generationenwechsel einmal genauer nachgefragt: Warum haben junge Mitglieder bisher so wenig Interesse, vor Ort oder im Landesverband aktiv zu werden? Wie lassen sich Familie, Beruf und Engagement unter einen Hut bringen? Und wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Jung und Alt? Das sind die Antworten!

GEW NRW: Mitgestalter*innen gesucht!

Warum seid ihr in die GEW NRW eingetreten?  Für viele Mitglieder waren Services wie die Schlüsselversicherung oder der Rechtsschutz ein Grund. Doch auch Mitglieder, die deswegen eingetreten sind, werden in einigen Fällen zu aktiven Mitgliedern. Die Entscheidung für die GEW hängt häufig mit dem Willen zusammen, in eine richtige Gewerkschaft einzutreten und nicht nur in einen Verband.
Eine gute Willkommenskultur ist die Basis dafür, dass möglichst viele Neumitglieder aktiv werden. Eine starke Gewerkschaft braucht viele aktive Mitglieder, um am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft Probleme ansprechen und lösen zu können. Genau deshalb ist ein Teil des Projekts zum Generationendialog in der GEW NRW die Auseinandersetzung mit der Mitgliederaktivierung und der Willkommenskultur.

Einstieg in die Gewerkschaftsarbeit

Wer heute eintritt, wird herzlich begrüßt. Und dann? Viele Untergliederungen bieten Veranstaltungen an, die einen Einstieg in die aktive Gewerkschaftsarbeit erleichtern – ein Frühstück für Neumitglieder, ein Grillabend mit Kolleg*innen. Einige Untergliederungen haben auch Einstiegsseminare organisiert, damit die Neumitglieder eine Orientierung in der facettenreichen Organisation der GEW bekommen.

Interviews mit GEW-Mitgliedern beim Gewerkschaftstag

Die GEW NRW wollte es noch etwas genauer wissen und hat Delegierte verschiedenen Alters, mit unterschiedlichen Aufgaben, aus dem ländlichen Raum und aus der Stadt gefragt, wie sie über den Einstieg in die aktive Mitarbeit und die Willkommenskultur in der GEW NRW denken. Ein Ergebnis: Einstiegsangebote sind im ländlichen Raum nur schwer zu realisieren, weil es sehr weite Anfahrtswege gibt und nur wenige neue Kolleg*innen hinzukommen, die sich für solche Angebote interessieren könnten. Dort werden Neumitglieder also explizit zu den normalen Sitzungen eingeladen und sind häufig überfordert.
Ohne Kenntnisse über die Strukturen der GEW erinnere so eine Sitzung an den Song „MfG“ der Fantastischen Vier, erzählten die Befragten im Interview. Innerhalb der GEW werden sehr viele Abkürzungen genutzt, die außerhalb der Gewerkschaftsarbeit oft eine andere Bedeutungen haben. Wird Neumitgliedern in den Sitzungen vermittelt, dass ihre Nachfragen stören, kommen sie sicherlich kein zweites Mal. Wenn Neumitglieder keine Möglichkeit haben zu verstehen, worum es geht, wird eine erneute Teilnahme an einer Sitzung unattraktiv.
Als Lösung für dieses Problem schlugen die Delegierten in den Interviews vor, ein Abkürzungsverzeichnis zu erstellen oder auf Abkürzungen in der Sprache zu verzichten. In den Interviews ging es auch um die Fragen, wie jüngere Mitglieder angesprochen werden und „ob die GEW noch am Puls der Zeit ist“.
Das betrifft neben den Materialien vor allem die Kommunikation und die Diskussionskultur.  Die Kommunikationsformen von jungen und älteren Mitgliedern sind oft sehr unterschiedlich. Deshalb ist es wichtig, aufeinander zuzugehen. Manchmal seien Diskussionen zu langatmig und nicht zielführend. Das ist nicht attraktiv für junge Mitglieder, berichtete eine Delegierte.
In einem anderen Interview erzählt eine junge Delegierte davon, dass sie viel Spaß bei den Aktionen rund um den 1. Mai 2019 gehabt hätte und ihr besonders solche Aktionen Freude machten. Sie kritisierte aber auch, dass es „zu wenig Angebote und Struktur für jüngere Mitglieder gibt“.

Was hält euch von einer Mitarbeit ab?

Neben der ersten Sitzung als Schlüsselsituation für eine aktive Mitgliedschaft wurden im Rahmen der Interviews weitere mögliche Startprobleme angesprochen. Mehrfach genannt wurde, dass die vielen verschiedenen Gremien der GEW auch für langjährige Mitglieder wie ein Dschungel wirken. Es sei nicht klar, wer welche Rolle hat und wie das Verhältnis der verschiedenen Gremien zueinander ist.

Wie seid ihr selbst aktiv geworden?

In vielen Interviews wurde berichtet, dass die Aktivierung der Befragten von einzelnen GEW-Mitgliedern abhing. Diese Mitglieder haben im Lehrerzimmer als Mentor*innen viele fachliche Fragen der jungen Lehrer*innen beantwortet, Abkürzungen erklärt und die eine oder andere Diskussion über Arbeitsbedingungen angezettelt.
Jene Kolleg*innen hatten immer ein Ohr für persönliche Probleme und Fragen, sie waren fachlich und menschlich für die Befragten am Anfang ihres Berufslebens ansprechbar. Sie haben Neumitglieder im richtigen Moment eingeladen, an einem Seminar oder einer Veranstaltung teilzunehmen. Daraus ist oftmals ein langjähriges Engagement entstanden und viele Befragte übernehmen nun selbst die Rolle der*des Mentor*in.

Und wie geht die GEW NRW mit den Ergebnissen der Befragung um?

Es müssen konkrete Strategien dafür entwickelt werden, wie mehr Kolleg*innen Neumitglieder gezielt aktivieren können. Dazu gehört zum Beispiel, gemeinsam zu Sitzungen zu gehen, die komplexen Strukturen zu erklären und den Einstieg zu begleiten.
Sind die Mitglieder durch die persönliche Ansprache erst einmal aktiv geworden, stehen sie vor dem Problem, dass sie von verschiedenen Gremien und Vorständen angesprochen werden, ob sie sich dort engagieren möchten. Daraus ergeben sich oft multiple Verantwortungen, die mit hohem Zeitaufwand und manchmal auch Frust verbunden sind. Wenn Neumitglieder diesen Anforderungen nicht gewachsen sind, ziehen sie sich gegebenenfalls nach einigen Jahren aus ihrem Engagement zurück, um wieder mehr Zeit für Familie und Freund*innen zu haben. Es gilt also, unter den aktiven Mitgliedern eine gewisse Achtsamkeit dafür zu entwickeln, Neumitglieder nicht zu überfordern.

Passt das Profil der GEW NRW zu eurer Situation vor Ort?

Die befragten Delegierten haben angemerkt, dass die Schullandschaft sich wandelt und es zum Beispiel immer mehr Schulsozialarbeiter*innen gibt. Darauf muss die GEW NRW Antworten finden. Infomaterialien und Angebote müssen auch für diese Professionen attraktiv sein, damit sie angesprochen werden und sich willkommen fühlen.
Im Rahmen der Interviews ist deutlich geworden, dass die Beschäftigten die Vereinbarkeit von Privatleben, Beruf und Engagement für die Gewerkschaft als Herausforderung erleben. So sei die hohe und weiter ansteigende Arbeitsintensität zum Beispiel im Lehrer*innenberuf zu Beginn der Lehrtätigkeit nur schwierig mit einer aktiven Mitgliedschaft vereinbar. Die vielen Ganztagsschulen verändern zusätzlich die Zeitgestaltung von Lehrer*innen. Dieser Aspekt ist nicht nur im Kontext der Mitgliederaktivierung wichtig, sondern sollte auch bei der gewerkschaftlichen Interessenvertretung gegenüber Arbeitgebern eine Rolle spielen.

Willkommenskultur weiterentwickeln und gemeinsam gestalten

Insgesamt sind die Beteiligungsmöglichkeiten für neue Mitglieder in den Untergliederungen heterogen organisiert. Die gezielte Ansprache der Neumitglieder durch passende Formate ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Aktivierung. Mit den Neumitgliederseminaren hat die GEW NRW ein solches Format bereits erfolgreich erprobt. Es gilt nun, dieses Konzept weiterzuentwickeln, sodass die Umsetzung auch für Untergliederungen möglichst einfach und effizient ist.
Ein großes Hindernis für aktivierbare junge GEW-Mitglieder ist die fehlende Zeit. Variationen von Tagungszeiten und -orten könnten verbunden mit den Möglichkeiten der Digitalisierung helfen, aktivierbare Mitglieder von einem Engagement zu überzeugen.
Neue Mitglieder sind oft auch junge Mitglieder. Durch die Hochschulinformationsbüros und Hochschulgruppen bietet die GEW NRW den Studierenden bereits attraktive Willkommensangebote, um in die aktive Arbeit bei der GEW hineinzuschnuppern. Diese Angebote werden künftig, wie auf dem Gewerkschaftstag beschlossen, durch die Ausrichtung einer Jugendkonferenz erweitert.
Die Ergebnisse der Interviews fließen in einen Leitfaden zur Willkommenskultur und in die Vorschläge zur Umsetzung ein, die die Kommission Generationenwechsel erarbeitet. Ihr seid herzlich eingeladen, eure Ideen einzubringen, um die GEW NRW weiterzuentwickeln!


Beatrice van Berk
Hilfskraft im Projekt Generationenwechsel

Jan Wappler
Hilfskraft im Projekt Generationenwechsel

Fotos:  iStock.com / SolStock; A. Schneider

 

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