Bildungsgerechtigkeit an der Matthias-Claudius-Schule

Schulen brauchen Vertrauen

Bildungsgerechtigkeit war eine der großen Schwerpunkte auf dem evangelischen Kirchentag 2019, bei dem auch die GEW NRW vertreten war. An einer Podiumsdiskussion zum Thema nahmen Vertreter*innen der evangelischen Gesamtschule in Bochum teil, die sich seit Jahren stark macht für mehr Chancengleichheit. Ein Schulporträt.

Bildungsgerechtigkeit an der Matthias-Claudius-Schule
Bildungsgerechtigkeit an der Matthias-Claudius-Schule

Individuelle Förderung, Heterogenität als Normalfall, echte Integration, gemeinsames Lernen und Leben im Klassenverband, Pädagog*innen, die sich als Lernbegleiter*innen verstehen, und intensive Förderung von Selbsttätigkeit, Selbstständigkeit und Selbstverantwortung der Schüler*innen. Diese Liste liest sich wie ein Wunschzettel von Eltern und Lehrer*innen zu Weihnachten. Und ebenso wie der Weihnachtsmann am Ende nur die Idee einer klugen Werbekampagne ist, scheinen auch die pädagogischen Kernthemen wenig mit der Realität zu tun zu haben. Die Abhängigkeit des Schul-erfolgs von der sozialen Herkunft, scheinbar unerlässliche Nachhilfe, Klassenwiederholungen, hohe Schulabbrecher*innenquoten, schlechte Integrationsergebnisse für Behinderte und Schüler*innen mit Migrationshintergrund sowie Jungen als sogenannte Bildungsverlierer – nach Bildungsgerechtigkeit klingt das alles nicht.

Bildung als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben

Lernen und Wissen sind zwar bedeutsame Aspekte von Bildung, aber Persönlichkeitsentfaltung, Charakterbildung und gesellschaftliche Teilhabe gehören ebenso dazu. Bildung entscheidet über Lebenschancen und befähigt Menschen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Oftmals hängt sogar der Familienfrieden von der Schulkultur ab. Die Atmosphäre, in der Schüler*innen die meisten Stunden des Tages verbringen, wirkt demzufolge persönlichkeitsbildend und nachhaltig.
Im integrativen Manifest der Matthias-Claudius-Schule (MCS) in Bochum heißt es deshalb:  „Eine solidarische Gesellschaft braucht das solidarische Miteinander schon in der Schule.“ Nicht zuletzt zieht sich das Prinzip „Bildung für alle“ wie ein roter Faden für Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern, Kooperationspartner aus Wirtschaft, Wissenschaft und sozialen Kontexten, Ehemalige sowie Aktive durch das gesamte Schulleben.

Das Konzept: Eine Schule für alle

Das Miteinander von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Förderbedarf ist der Normalfall, sie leben und lernen gemeinsam in einer Klasse und können nach ihren Möglichkeiten Fortschritte machen. So werden Schüler*innen mit den Förderschwerpunkten körperliche und motorische Entwicklung, Hören, Sehen, Sprache und Kommunikation, emotionale und soziale Entwicklung, Lernen und geistige Entwicklung inklusiv unterrichtet.
Diese Grundhaltung erfordert einen individuellen Lernplan, in dem sich Schüler*innen gemeinsam mit den begleitenden Lehrkräften individuelle Ziele setzen und Verantwortung übernehmen. Die Angebote berücksichtigen verschiedene Niveaustufen und ermöglichen durch Wechsel die Durchlässigkeit des Systems. Im gemeinsamen Unterricht nach dem Zwei-Lehrer*innen-Prinzip mit Fachlehrer*in und Sonderpädagog*in lernen Kinder mit und ohne Handicap in ihrem eigenen Tempo an frei gewählten Unterrichtsinhalten in sogenannten Lernbüros. Klassenarbeiten finden zu individuellen Zeitpunkten statt, differenzierte Aufgaben zur individuellen Förderung werden vergeben, Formate ermöglicht, mit denen Schüler*innen sich untereinander helfen oder sogar an Seminaren verschiedener Hochschulen teilnehmen.
In Lerngruppen von circa 26 Schüler*innen werden in der Regel sechs zieldifferent unterrichtet und können die Abschlüsse der jeweiligen Förderschule erreichen. Besonders für Schüler*innen mit dem Förderbedarf geistige Entwicklung wurde die an die Klasse 10 anschließende Berufspraxisstufe entwickelt, die theoretische und praktische Lernbausteine sowie Tagespraktika umfasst. Zum Kollegium gehören auch Integrationshelfer*innen, Lernbegleiter*innen und ein Heilpädagoge, sodass im Schultag zusätzliche Förderung möglich ist.

Individuelle Unterstützung im Schulalltag

Auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit gehört neben dem durchgängig inklusiven Schulsystem und der selbstverständlichen Aufnahme von Geflüchteten durch den Solidarfonds auch die Möglichkeiten der beruflichen Weiterbeschäftigung für Menschen mit Handicap im schuleigenen Hotel, Restaurant oder Cateringbetrieb dazu, um einen Berufseinstieg zu fördern.
Den konkreten Schulalltag begleitet ein Logbuch als Kommunikationshilfe zwischen Eltern und Schule. Darin wird von den Schüler*innen der persönliche Lernweg dokumentiert und die eigene Lebenssituation in den Blick genommen. In regelmäßig stattfindenden Tutor*innengesprächen erleben sie eine persönliche Begleitung bezüglich ihrer fachlichen Entwicklung und anderer Lebens- und Lernfaktoren. Bildungsgerechtigkeit heißt auch, Raum für Lob und Wertschätzung zu bekommen und Probleme in vertrauensvoller Atmosphäre thematisieren zu können.

Persönlichkeitsentwicklung im Fokus

Ein wichtiges Fundament für das Schulleben ist sicher das christliche Ethos „Jeder Mensch ist ein von Gott geliebtes Geschöpf und gleich wertvoll“, das sich in pädagogischen wie organisatorischen Entscheidungen widerspiegelt. Der Träger der Schule ist ein eingetragener Verein, der Mitglied im evangelischen Schulbund Nord e. V. ist. „Wir glauben daran, dass Gott jeden Menschen einzigartig und wertvoll geschaffen und in die Gemeinschaft mit anderen Menschen gestellt hat.“ Dieses Leitbild soll den Lebensraum MCS gestalten.
Das zeigt sich zum Beispiel auch in einer dreiwöchigen Praxisphase für Schüler*innen der neunten Jahrgangsstufe, die sich während des Schuljahrs einer persönlichen Herausforderung stellen, um sich selbst besser kennenzulernen und in ihrer Persönlichkeit zu wachsen. Im Hinblick auf positive Ausgangsbedingungen von Lernprozessen formuliert der Hirnforscher Gerald Hüther: „Vertrauen ist das Fundament, auf dem alle unsere Entwicklungs-, Bildungs- und Sozialisierungsprozesse aufgebaut werden.“ In diesem Projekt „Herausspaziert“ wird offensichtlich, dass die Schule ihren Schüler*innen Organisationsvermögen und Evaluationsfähigkeit zutraut und Eltern auf der anderen Seite ebenfalls darauf vertrauen, dass die Schule das notwendige Verhältnis von gesichertem Rahmen und notwendiger Freiheit bereithält.
Mit einem knappen Budget probieren sich Schüler*innen in inklusiven Gruppen aus, nehmen sich ökologische, diakonische oder soziale Projekte an fremden Orten vor, gehen Risiken ein, erleben Scheitern und auch das Überwinden von Schwierigkeiten. Auch für die begleitenden Studierenden der benachbarten evangelischen Fachhochschule ist damit ein Vertrauensvorschuss verbunden, der sich einer Bewährungsprobe stellen muss. Durch diese „Intensiverfahrung“ lernen Schüler*innen Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, die Lösbarkeit schwieriger Situationen gemeinsam mit anderen Menschen und die Sinnhaftigkeit der Welt und das eigene Geborgen- und Gehaltensein in der Welt.

Besondere Kommunikationskultur

2018 war die Bochumer Schule eine von sechs Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises. Die Juror*innen erwähnten unter anderem die „auffallend achtsame, wertschätzende und anerkennende Kommunikationskultur dieser Schule“ in ihrer Begründung. Kritiker*innen, die meinen, allein ein finanzieller Elternbeitrag an einer Schule schaffe ungeahnte Freiräume, die vieles für einige Wenige ermöglichen, aber Bildungsgerechtigkeit im umfassenden Sinn ausschließen, übersehen leicht, welche Bedeutsamkeit identitätsstiftende Angebote haben. Klassengruppen werden möglichst heterogen zusammengesetzt. Solidarfond und Förderverein gleichen soziale Bedürftigkeit aus.

Menschen mit Stärken und Schwächen wahrnehmen

Zur Bildungsgerechtigkeit gehört aber auch der Blick über den Tellerrand. In der MCS übernehmen Schüler*innen von Anfang an Aufgaben, die der Schulgemeinschaft sowie Menschen und Institutionen außerhalb der Schule zugutekommen. Sie engagieren sich als Schulsanitäter*innen und Sporthelfer*innen in den Pausenzeiten und bei Veranstaltungen, als Streitschlichter*innen und Klassenpat*innen für jüngere Schüler*innen, als Lernbegleiter*innen oder als Mitglieder der „Bildungsbande“. Während der Unterrichtszeit besuchen sie zum Beispiel alte Menschen oder betreuen in Grundschulen Kinder, die besondere Unterstützung benötigen. Die Grundhaltung, Menschen mit ihren Stärken und Schwächen wahrzunehmen und sie individuell zu fördern, hat die MCS seit ihrer Gründung im Jahr 1986 zu dem entwickelt, was sie heute ist.   
Schule gemeinsam gestalten bedeutet regelmäßige Verständigung in einer vertrauensvollen Beziehungsstruktur, die notwendige Unterstützung für individuelle Lernprozesse in kooperativen und solidarischen Arrangements bietet. Das stetige Bemühen aller Beteiligten um eine vertrauensvolle Kommunikationskultur und eine konsequente Potenzialorientierung statt einer Defizitorientierung überzeugt. Bildungsgerechtigkeit und Vertrauen bedingen einander!


Dr. Elke Jüngling
Gymnasiallehrerin für Evangelische Religionslehre und Deutsch, Dozentin in der Lehrer*innenfort- und weiterbildung

Fotos: iStock.com / PeopleImages, jacoblund

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