Ruhestand: Nah dran am Zeitgeschehen

Im Gespräch mit Ruheständlerin Barbara Sendlak-Brandt

Enkelkinder, Gartenarbeit, Kunst und Kultur? Wer glaubt, so sähe die Welt von Ruheständler*innen aus, ist auf dem Holzweg. Den Wunsch, die Gesellschaft und den Bildungssektor mitzugestalten, legen viele ältere Kolleg*innen nicht einfach mit dem Ende des Schuldienstes ad acta. Barbara Sendlak-Brandt ist selbst seit fünf Jahren im Ruhestand und erzählt, was sie bewegt.

nds: Gewerkschaften sind in erster Linie Vertretungen der Arbeitnehmer*innen. Man könnte annehmen, dass mit der aktiven Berufstätigkeit automatisch auch das gewerkschaftliche Engagement endet. Was meinst du dazu?

Barbara Sendlak-Brandt: Aus dem Zweiten Engagementbericht, den das Bundeskabinett am 29. März 2017 beschlossen hat, geht hervor, dass sich etwa 30,9 Millionen Menschen in Deutschland für soziale Zwecke engagieren. „Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht vom Zuschauen“, äußerte sich Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig dazu. Dem Bericht ist zu entnehmen, dass sich immer mehr  Ältere engagieren. Im Jahr 2000 haben 16 Prozent der 70- bis 74-Jährigen ein Ehrenamt übernommen und 2014 waren es bereits 27 Prozent.    
Wir Ruheständler*innen haben weiterhin politische und gewerkschaftspolitische Interessen. Nur weil wir nicht mehr im Berufsleben stehen, sind wir nicht von den Nöten unserer Kolleg*innen und der Kinder und Jugendlichen abgeschnitten. Wir erleben in unseren eigenen Familien, wie die gewachsenen Belastungen der Arbeit drücken und wie schwer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch für Frauen und junge Familien ist. In Bochum fehlten zum Beispiel Ende März 2017 599 Kita-Plätze. Meine Enkelin wird im Oktober drei Jahre alt und sie steht – wie viele andere Kinder – auf den
Wartelisten einiger Kitas. Die Anzahl der Betreuungsplätze entspricht nicht dem tatsächlichen Bedarf, nicht nur in Bochum. So setzen wir uns als Eltern erwachsener Kinder und als Großeltern sowohl für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten im Erziehungs- und Bildungsbereich sowie für die Verbesserung der Qualität von Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen ein.
Im Moment treibt mich das Thema „Kinderarmut“ um. Essen war Kulturhauptstadt Europas 2010. Essen ist Grüne Hauptstadt Europas 2017. Die Stadt trägt somit als einzige in Europa beide Titel. Das ist Ehre und Verpflichtung. Wie kann es sein, dass in dieser reichen Stadt ein Drittel der Kinder in Hartz-IV-Familien lebt und ihnen gleiche Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe verwehrt werden? Ich finde diesen Zustand unerträglich und möchte dazu beitragen, dass sich das durch auskömmliche Finanzierung aller Bildungsbereiche ändert.

Wie nimmst du selbst die Ruheständler*innen in der GEW NRW wahr?

Wir Ruheständler*innen sind schon jetzt viele und wir werden immer mehr. Die Babyboomer, die ab 1955 Geborenen, kommen ja erst noch ins Pensions- und Rentenalter! Wir nehmen in der GEW auf allen Ebenen eine aktive Rolle ein, wie sich zum Beispiel im Frühjahr 2017 auf dem Bochumer Kongress zeigte. Wenn Gerd Möller, ehemaliger Schulleiter der Heinrich-Böll-Gesamtschule in Bochum, Ministerialrat a. D. und Herausgeber der Zeitung Schulverwaltung, dort ein Forum zum Sozialindex zur bedarfsgerechten Ressourcenverteilung anbietet, dann klinkt er sich in eine heiße gesellschaftliche Debatte ein: Mit welchen konkreten Maßnahmen kann die Chancengleichheit verbessert werden und wie  kann der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung deutlich abgeschwächt werden? Näher dran am gesellschafts- und bildungspolitischen Zeitgeschehen kann man doch kaum sein.

Und welche Rolle spielen die Ruheständler*innen der GEW vor Ort?

Der Stadtverband der GEW Essen hat 2.042 Mitglieder. Davon sind  291 Pensionär*innen und 45 Rentner*innen. Im Stadtverbandsvorstand der GEW Essen sind wir mit vier Ruheständler*innen vertreten. Der lokale Ausschuss für Ruheständler*innen hat nicht nur Feiern und Veranstaltungen durchgeführt, sondern wir Ruheständler*innen haben mit unserer Erfahrung, unserer Zeit, unserem Engagement die Vorstandsarbeit in allen Bereichen unterstützt: Wenn wir unsere angestellten Kolleg*innen zu den Demonstrationen nach Düsseldorf zum Landtag begleiten, vertreten wir unsere eigenen Interessen, denn die Erhöhung der Besoldung sowie der Pensionen folgt den verbesserten Entgelten der Tarifbeschäftigten. Wir haben den Stand am 1. Mai mitbetreut, den Schuljahresempfang und die 70-Jahr-Feier mit vorbereitet und durchgeführt.

Was wünschst du dir von deiner Gewerkschaft? Wie würdest du gern eingebunden werden?

Es ist hoffentlich kein Tabu zu sagen, dass etwa ein Drittel der Mitglieder mit Eintritt in den Ruhestand aus der GEW austritt, vielleicht aus finanziellen Gründen oder weil sie sich dort mit ihren Interessen nicht mehr vertreten fühlen. Ich möchte, dass wir an der Basis gemeinsam darüber nachdenken, mit welchen Themen und Veranstaltungsformaten Mitglieder im Ruhestand motiviert werden können, in der GEW zu bleiben, an Aktivitäten der Gewerkschaft teilzunehmen oder sie selbst zu initiieren.
 Ich bin zum Beispiel seit meiner Pensionierung Mitglied bei „ID55 – anders alt werden e. V.“ in Herne. In jedem Jahr im Januar lädt der Verein zum „Wunschkonzert“ ein. Ob biografisches Schreiben, Singalong, Kunst und Kultur oder Computerwissen – das „Wunschkonzert“ ist die Gelegenheit, Wünsche zu äußern, Ideen zu entwickeln und Gleichgesinnte zu finden. Eine*r setzt den Hut auf und organisiert die neue Interessengruppe. Das Bedürfnis, etwas mit anderen zusammen zu machen, die eigenen Interessen mit anderen in die Tat umzusetzen, ist sehr groß. So organisiere ich einmal im Monat „Sonntagsfreuden“ – immer sonntags, weil dieser Tag für Alleinstehende am schwierigsten zu gestalten ist – und biete über einen E-Mail-Verteiler Ausflüge in die schönen Ecken von NRW an. Es ist ein bisschen so wie früher, als ich für meine Klasse Tagesausflüge organisierte. Das macht mir totalen Spaß.
Ich würde gerne eine Geschichtswerkstatt „Aufbruch nach 1945“ gründen. Wir fassen Erlebtes und Erfahrenes in Worte. Exkursionen ins Haus der Ruhrgebietsgeschichte in Bochum geben neue Impulse. Kontakte zu anderen Schreibwerkstätten erweitern die Perspektive. Mit dem entstandenen Werk könnte die Geschichtswerkstatt Lesungen veranstalten.
Der Ausschuss der Ruheständler*innen der GEW NRW lädt regelmäßig nach Fröndenberg zu dem Seminar „Aktiv im Ruhestand“ ein. Zuletzt, im April 2017, stieß die Veranstaltung auf so großes Interesse, dass einige Kolleg*innen sogar Absagen erhielten, weil die Räumlichkeiten nicht ausreichend Platz boten. Das zeigt doch, dass der Bedarf da ist! Für mich sind die angebotenen Themen genauso wichtig wie die Möglichkeit, mich mit Kolleg*innen aus den verschiedenen Regionen unseres Landes auszutauschen, und zwar sowohl in den angebotenen Seminaren als gerade auch in Hintergrundgesprächen. Ebenfalls möchte ich mich dafür einsetzen, die Mitgliederbeteiligung über offenere Seminarangebote sowie Online-Abfragen zu verbessern. Im Oktober 2017 wird die Veranstaltung erneut angeboten – diesmal mit Platz für mehr Teilnehmer*innen.

Damit der Generationenwechsel in der GEW gelingt, sind sowohl die Älteren als auch die Jüngeren gefragt. Worauf kommt es deiner Meinung nach an, damit das gelingt?

Ich meine, dass die Jüngeren und die Älteren in der GEW für dieselben Interessen und Themen stehen. Die Vorstellung, mit dem Erreichen der Pensionierung zögen wir uns nicht nur aus dem Berufsleben, sondern auch aus der Politik oder der Gewerkschaftsarbeit zurück, ist doch old school. Der 65. Geburtstag bedeutet doch längst nicht mehr: „Jetzt bist du alt.“ Ich bin immer noch die Gewerkschafterin, die ich seit 1972 bin: Ich bin kampfeslustig, habe noch viele Ideen, mache mir Sorgen um die Zukunft unserer Kinder, habe durch die Wahl von Emmanuel Macron und die Wiederbelebung der deutsch-französischen Freundschaft Hoffnung, dass das Projekt Europa Zukunft hat.

Die Fragen für die nds stellte Anja Heifel.

Foto: emoji / photocase.de

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