Prekarisierung stoppen, Geschlechterrollen überdenken

Prekarisierung ist zu einem Schlüsselbegriff avanciert. Doch was genau ist seit wann und für wen prekär geworden und welche sozialen Folgen hat Prekarisierung? Das ist bislang umstritten. Seit der Jahrtausendwende richtet sich der wissenschaftliche Blick auf die sozialpolitisch forcierte Prekarisierung von Erwerbsarbeit und auf die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, auf Referenzfolie der 1960er und 1970er Jahre. Erweitert man die Perspektive über die Erwerbssphäre hinaus, kann auch von einer Prekarisierung von Lebens- und Geschlechterverhältnissen oder gar der Gesellschaft gesprochen werden.

Prekäre Beschäftigung – Tätigkeiten in Teilzeit, mit niedrigen Einkommen, geringfügige und nicht sozial abgesicherte, flexible und unsichere Beschäftigung – gewann Aufmerksamkeit, seit auch Männer vermehrt betroffen sind. Doch für Frauen war prekäre Beschäftigung aufgrund ihrer Fürsorgezuständigkeit schon früher Normalität. Heute sind 68 Prozent der 4,17 Millionen geringfügig Beschäftigten Frauen, auch Teilzeitbeschäftigung ist eine weibliche Domäne.

Belastung über das berufliche Leben hinaus

Nun kennzeichnen nicht nur objektive Kriterien wie Einkommen, Befristung, Länge und Lagerung der Arbeitszeiten – etwa Schichtarbeit oder Arbeit auf Abruf –, Arbeitsort und Dauer prekäre Beschäftigung, sondern auch deren subjektive Wahrnehmung und die weitergehenden Perspektiven. Auch der Haushaltskontext ist bedeutsam: Ein bestimmtes Einkommen mag für eine Person existenzsichernd sein, nicht aber, wenn mehrere Personen zu versorgen sind. Schließlich muss Prekarisierung im gesamten Lebenszusammenhang und in einer zeitlichen, biografischen Perspektive betrachtet werden. Dies umfasst neben dem Haushaltskontext, der eine prekäre Lebenslage auffangen oder erst erzeugen kann, die verschiedensten Lebensbereiche: Fürsorge für Kinder oder Angehörige, Wohnen, Gesundheit, Sinnstiftung, soziale Nahbeziehungen, Teilhabe und vieles mehr. Damit können sich negative Folgen von Prekarisierung im gesamten Lebenszusammenhang zeigen: In der Erwerbssphäre sind dies etwa geringe Einkommen, Anerkennungsdefizite und eine Verschlechterung der Arbeitsmarktchancen bis hin zu Abstiegsspiralen in der (Berufs-)Biografie. Weiter gefasst gehen mit prekärer Beschäftigung oft eingeschränkte Handlungsmöglichkeiten und -perspektiven einher, zum Beispiel mit Blick auf Altersvorsorge, soziale und gesellschaftliche Teilhabe sowie Planungsunsicherheiten in den verschiedenen Lebensbereichen, die sich über die Zeit ausweiten und verfestigen können. Eine prekäre Beschäftigungssituation kann auch soziale Nahbeziehungen beeinflussen, beispielsweise wenn sie die Beziehung zur Partnerin, zum Partner oder zu den Kindern belastet oder wenn Betroffene sich von FreundInnen und Bekannten zurückziehen. Schließlich können auch die Möglichkeit zur Selbstsorge und die Gesundheit beeinträchtigt werden.

Chance für die Emanzipation?

Neben all diesen möglichen desintegrativen Folgen von Prekarisierung betonen einige ForscherInnen aber auch emanzipatorische Potenziale. So könnte die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und des Ernährermodells egalitärere Geschlechterverhältnisse und neue Männlichkeitsentwürfe jenseits der Erwerbszentrierung ermöglichen. Allerdings weiten prekär beschäftigte Männer in der Regel nicht ihre Fürsorge- und Hausarbeitstätigkeiten aus. Vielleicht aber könnten in (ferner) Zukunft durch Prekarisierung überkommene ungleiche Geschlechterrollenvorstellungen und einengende Normen brüchig werden. Um solche emanzipatorischen Effekte zu ermöglichen, müsste jedoch zuvor die ökonomische Existenz durch Politiken einer Entprekarisierung von Beschäftigung –   und von Fürsorgetätigkeiten – (wieder) sozial abgesichert werden.

Prof. Dr. Christine Wimbauer
Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Sozial-wissenschaften, Lehrbereich Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse

Foto: svenkaiser2808 / photocase.de

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