Sind unsere Schulen sicher?

Gewalt und Mobbing an jeder zweiten Schule! Mit dieser Schlagzeile ging kürzlich eine Studie zu Gewalt gegen Lehrer*innen durch die Medien. Die Details zeigen jedoch schnell, dass die Situation weniger dramatisch ist: Erhoben wurden Vorkommnisse der vergangenen fünf Jahre aus der Sicht von Schulleiter*innen.

Die Schlagzeile bezieht sich ausschließlich auf verbale Gewalt; physische Gewalt gegen Lehrkräfte berichtet nur jede vierte Schulleitung. Vergleichswerte aus den Vorjahren werden nicht herangezogen. Hat an einer Schule mit durchschnittlich 50 Lehrkräften nur ein*e Kolleg*in in den vergangenen fünf Jahren einmal physische Gewalt erlebt, dann musste die Schulleitung in der Befragung bestätigen: Ja, Gewalt kommt an unserer Schule vor. Die tatsächliche Gewaltrate bezogen auf alle Lehrkräfte und ein einzelnes Schuljahr ist aber sehr viel niedriger.

Kultur des Hinschauens und erfolgreiche Prävention

Physische Gewalt gegen Lehrkräfte ist eine Ausnahme. In einer Befragung von Lehrer*innen an Berliner Sekundarschulen hat sich beispielsweise gezeigt, dass circa jede 200. Lehrkraft im letzten Schulhalbjahr von einer*m Schüler*in geschlagen worden ist. Von Bedrohung mit einer Waffe berichtete keine Lehrkraft. Verbale Bedrohungen und Beschimpfungen kommen deutlich häufiger vor. Aber überrascht das? Schulen sind Orte, an denen sich viele junge Menschen versammeln, an denen Frustrationserlebnisse zu verarbeiten und Konflikte auszutragen sind, die sich auch auf die Lehrenden beziehen und zum Teil von ihnen ausgelöst werden. Nur selten schädigen diese Konflikte aber die physische Integrität der Lehrkräfte.
Bezogen auf Schüler*innen ergibt sich ein etwas anderes Bild: Studien zufolge hat etwa jede*r fünfte bis sechste Jugendliche an Schulen physische Gewalt erlebt. Opfer von sogenanntem Bullying – von wiederholtem, negativem Verhalten, zu dem auch nicht physische Aggressionsformen zählen – ist etwa jede*r 20. Schüler*in. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute ist: Die Gewalt unter Schüler*innen ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Ein Beispiel: Schwere Raufunfälle an Schulen, die zu Frakturen geführt haben, sind von 0,9 Vorfällen pro 1.000 Schüler*innen im Jahr 2007 auf 0,6 im Jahr 2016 gesunken, also um fast ein Drittel.
Für diese positiven Trends gibt es unter anderem zwei wichtige Ursachen: Erstens hat sich an Schulen eine Kultur des Hinschauens durchgesetzt. Lehrkräfte tolerieren Aggressionen zwischen Kindern und Jugendlichen immer weniger und intervenieren, wenn es zu Auseinandersetzungen kommt. Zweitens erreichen Präventionsmaßnahmen viele Schüler*innen. Etwa zwei von drei Schüler*innen geben an, dass sie an Unterricht oder Projektwochen zum Thema Gewalt teilgenommen haben. Dabei greifen Schulen häufig auf evaluierte Programme zurück, die Gewalt im Schulkontext nachweislich reduzieren können, etwa das Anti-Bullying-Programm oder Konflikt-KULTUR.

Gewalt vorbeugen – in Schulen investieren!

Die Zahlen über zunehmende Gewalt an Schulen beruhen bislang nur auf Kriminalstatistiken, die auf Anzeigen zurückgehen. Wenn Lehrkräfte oder Schüler*innen zunehmend motiviert sind, Gewalterlebnisse bei der Polizei anzuzeigen, entspricht das nicht automatisch einem tatsächlichen Anstieg von Gewalttaten. Auch wenn dazu noch keine aktuellen Erhebungen vorliegen, steht kaum zu vermuten, dass das hohe, frühere Gewaltniveau wieder erreicht ist. Schulen sind auch in Zukunft weitestgehend sichere Orte. Dies bedeutet zugleich nicht, die Augen vor derzeitigen Veränderungen zu verschließen. Befragungen zeigen, dass Jugendliche häufiger Messer mit sich führen – auch an Schulen. Absicht ist dabei nicht, diese Messer auch einzusetzen; in Konflikten sind sie dann aber schnell zur Hand. Daneben stellt die Integration von Geflüchteten, im Besonderen von Migrant*innen, im Allgemeinen Schulen zunehmend vor Herausforderungen. Um ihnen gerecht zu werden, brauchen Schulen wirksame Konzepte und gut ausgebildetes Personal, unter anderem Schulsozialarbeiter*innen und Schulpsycholog*innen. Hierfür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden: Um Gewalt vorzubeugen, braucht es Investitionen in Schulen!


Dirk Baier
Leiter des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Foto: MPower. / photocase.de

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