Mythos Elternwille

Die Schulentwicklung folgt dem Elternwillen. Das sagt die Landespolitik seit Jahren. Glückliche Eltern also, deren Vorstellungen von guter Schule, deren Schulwahl für ihre Kinder und deren Mitwirkung in schulischen Angelegenheiten so entscheidend sind. Ein Mythos, denn die Schulpolitik setzt enge Grenzen!

Aktuelle Beispiele sind die Inklusion und die Weiterentwicklung des wohnortnahen Schulangebots. Hier weist die Landespolitik die Verantwortung weit von sich: Wir schließen keine Schulen, wir gründen keine Schulen – die Eltern entscheiden. Die Schulträger verweisen auf knappe Kassen, gehen die interkommunale Zusammenarbeit zögerlich an oder suchen ihr Heil in Privatschulen.
Im Ergebnis gibt es – trotz Schulkonsens – in vielen Städten und Gemeinden noch immer zu wenig Plätze in Schulen des längeren gemeinsamen Lernens. Anderswo gibt es Probleme, weil das gegliederte System nicht mehr vollständig vorhanden ist und die Bereitschaft zur umfassenden Schulreform fehlt. Sieht so der Elternwille aus? Was nützt es, wenn Eltern formal das Recht haben, den Ort für die sonderpädagogische Förderung ihres Kindes zu bestimmen, wenn die Landespolitik verbindliche Qualitätsstandards für das Lernen an allen Förderorten verweigert? Sieht so eine gute Wahlmöglichkeit aus?

Den einen Elternwillen gibt es nicht

Eltern sind nicht gleich Eltern. Worin also soll der Elternwille bestehen? Während die einen die Schulformen des gegliederten Systems präferieren, wollen andere dessen Überwindung. Nur ein Teil der Eltern nutzt die Möglichkeit der freien Grundschulwahl, um für ihr Kind die beste Schule zu finden, und wer will es ihnen verdenken? So verstärkt das Wahlverhalten der Eltern die Segregation – Marktmechanismen, die immer auch Verlierer*innen produzieren. Einig sind die Eltern vor allem darin, was sie ablehnen: G8 zum Beispiel. Von einem Konsens über die Alternative sind sie jedoch weit entfernt.
Unterschiedliche Vorstellungen von Eltern finden nicht zuletzt Ausdruck in den politischen Positionen der Elternverbände, die schließlich Interessenvertretungen ihrer jeweiligen Schulform sind. Im Landtag hat zuletzt die Opposition Überlegungen zur Bildung einer einheitlichen, schul-formunabhängigen Elternvertretung als unnütze Einheitsschulideologie bezeichnet, die vermeintlich das wahre Gesicht der rot-grünen Schulpolitik zeigten: Gleichmacherei und Druck von oben. Die Schulentwicklung folgt dem Elternwillen. Fragt sich nur: Welchem?

Eltern als wichtige politische Pressure-Group

Aus gewerkschaftlicher Sicht wäre es gut, wenn die in der jetzt zu Ende gehenden Legislaturperiode unternommenen Anstrengungen, die Elternmitwirkung zu stärken, in den kommenden Jahren fortgeführt würden. Alle Fraktionen haben sich dazu bekannt, ein weiteres Forum für  Elterninteressen zu schaffen, in dem Landeselternorganisationen, Stadt- und Kreisschulpflegschaften zusammenkommen sollen. Auch wenn sich schulpolitische Vorstellungen unterscheiden: Wenn es um Forderungen an die Landespolitik und an die Schulträger geht – zum Beispiel nach kleineren Klassen und sauberen Toiletten –, dürften die Interessen von Bildungsgewerkschaft und Elternverbänden nah beinanderliegen.Vordergründig hilft der Landesregierung der Mythos, der Elternwille sei entscheidend für die Schulentwicklung oder gar die Schulpolitik. Sie macht sich einen schlanken Fuß. Wer aber ständig Erwartungen enttäuscht, kriegt irgendwann die Quittung. Vielleicht ist das auch der Grund, warum man mit Schulpolitik Wahlen verlieren kann. 

 

Maike Finnern
stellvertretende Vorsitzende der GEW NRW

 

Foto: iStock.com /AleksandarNakic

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