Lehrkräftemangel: Schulen am Limit

Lehrkräftemangel nimmt zu – lehramtsspezifisch und regional

Nicht erst durch den Brandbrief der 78 Duisburger Schulleiter*innen ist das Problem virulent. „Die Grundschulen in Duisburg sind am Limit“, heißt es darin angesichts von immer mehr nicht zu besetzenden Lehrer*innenstellen und steigenden Schüler*innenzahlen. Betroffen vom Mangel sind vor allem „Brennpunktschulen“. Eine fatale Entwicklung, die auch andernorts zu beobachten ist. Steuert NRW auf einen erheblichen Lehrermangel zu?

Alarmierende Rückmeldungen der Personalvertretungen nicht nur aus dem Grundschulbereich, sondern auch aus den Schulen der Sekundarstufe I bestätigen: zu wenig oder keine Bewerbungen für vakante Stellen, kein Personal für die dringend erforderliche Vertretungsreserve. Die Folgen des Lehrer*innenmangels sind evident: zusätzlich hohe Belastungen des Kollegiums und massive Überforderungen mit  steigenden Krankmeldungen – die Schulen gehen am Krückstock. Die GEW NRW hat schon im letzten Jahr rasche Abhilfe durch zeitlich befristete Notmaßnahmen gefordert, um vordringlich die teils gravierenden regionalen Unterschiede,  aber auch die lehramtsspezifischen Defizite bei der Lehrer*innenversorgung abzubauen.

Wie ist die Perspektive?

Für ein realistisches Bild von der weiteren Entwicklung lohnt ein Blick in die Statistik. Wie ist die Lage auf dem Lehrkräftearbeitsmarkt? Wie viele junge Lehrkräfte kommen? Mit wie vielen Berufsaustritten ist in den nächsten Jahren zu rechnen? Zahlen des Schulministeriums zur künftige Lehrer*innenversorgung in NRW zeigen: Die Lage ist teilweise dramatisch!
In den vergangenen beiden Jahren sind in NRW insgesamt 17.844 Lehrer*innen neu eingestellt worden. Demgegenüber steht im selben Zeitraum die Zahl von 16.206 Berufsaustritten, etwa durch Ruhestand, Entlassung oder Beschäftigungsende. Für das laufende Schuljahr und für die kommenden Schuljahre 2017/2018 und 2018/2019 prognostiziert das Schulminis-terium weitere 18.100 Berufsaustritte über alle Schulformen hinweg und über die Jahre relativ gleichmäßig verteilt (s. Tabelle 1). Insgesamt scheiden also von 2015 bis 2019 rund 35.000 Lehrkräfte aus dem Schuldienst aus.
Vorausgesetzt, die jungen Kolleg*innen absolvieren ihren Vorbereitungsdienst erfolgreich und bewerben sich unmittelbar danach um eine Festanstellung als Lehrkraft in NRW: Kommen genug ausgebildete Lehrkräfte nach, um die Berufsaustritte auszugleichen? Im günstigsten Fall stehen dem Lehrer*innenarbeitsmarkt in NRW den Zahlen des Schulministeriums zufolge bis zum Einstellungstermin 1. November 2018 insgesamt 14.696 ausgebildete Lehramtsanwärter*innen (LAA) zur Verfügung, davon allein 7.793 LAA mit dem Lehramt Gymnasium / Gesamtschule (s. Tabelle 2).
Während rechnerisch gesehen sich für dieses Lehramt also ein deutliches Überangebot abzeichnet, sind die Absolvent*innenzahlen in den anderen Lehrämtern bedenklich knapp bemessen. Hier reicht es hinten und vorne nicht, um die ausscheidenden Lehrkräfte zu ersetzen.

Akuter Handlungsbedarf

In welchem Umfang Seiteneinsteiger*innen zur Verfügung stehen, lässt sich aus der Statistik nicht erkennen. Dabei ist schon jetzt die Zahl der unbesetzten Stellen dramatisch hoch und wird mit insgesamt circa 6.750 (Stand 15. Februar 2017) ausgewiesen, von denen gut 2.000 Stellen erst zum 1. August 2017 besetzt werden können. Gemessen am Planstellensoll von derzeit 159.943 Stellen sind das immerhin gut vier Prozent.
Es besteht also akuter Handlungsbedarf! Die GEW hat auf dem Gewerkschaftstag Anfang Mai 2017 ein Programm „Lehrkräftemangel bekämpfen – Schulqualität sichern – Schulreformen offenhalten“ aufgelegt und fordert umfassende Maßnahmen – Lehrer*innenmangel ist auch in anderen Bundesländern ein großes Problem.

 

Berthold Paschert
Referent für Lehrer*innenbildung der GEW NRW

 

Foto: Maria Maerz / photocase.de

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