Die Wut des Bildungsbürgertums

Debatte um G8

Sollte es noch eines Belegs bedurft haben, dass die Befriedung des Streits um das acht-jährige Gymnasium (G8) in Nordrhein-Westfalen gescheitert ist – jetzt liegt er auf dem Tisch. Die Landeselternschaft der Gymnasien hat eine Mammutumfrage präsentiert.

Mehr als 48.000 Personen nahmen an der Erhebung teil; in einem repräsentativen Teil wurden 1.310 Gymnasialeltern befragt. Von ihnen votierten 79 Prozent für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9). Das bestätigt zwar frühere Umfragen, hat aber aus drei Gründen eine besondere Brisanz.

Keine Kompromisse

Der erste ist der Zeitpunkt – in einem Jahr wird in NRW gewählt und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass dabei das „Turbo-Abi“ zum Thema wird. Mit G8 lässt sich keine Landtagswahl gewinnen. Gegen G8 schon eher.
Der zweite Grund ist die Wut, mit der die Kritik vorgetragen wird. Die Fronten sind verhärtet: 44 Prozent der G9-BefürworterInnen bezeichnen sich selbst als kompromisslos, fast doppelt so viele wie unter den G8-AnhängerInnen. Das Potenzial für eine Ausgleichslösung schwindet.
Den dritten Grund hat die Erhebung des Bildungsforschers Rainer Dollase, eines erklärten G9-Befürworters, der G8 auch schon mal mit der DDR vergleicht, erstmals statistisch greifbar gemacht: Die G8-GegnerInnen sind klassisches Bildungsbürgertum, die Klientel des Gymnasiums. Sie setzen auf Leistung. Nachhilfe für ihre Kinder begründen sie meist mit Notenoptimierung, nicht mit der Sicherung der Versetzung. Die G8-GegnerInnen wollen nicht, dass das Gymnasium seine Standards senkt, um das „Turbo-Abi“ verträglicher zu machen. Sie sind sehr skeptisch, ob man Hausaufgaben oder die Stundenzahl reduzieren sollte. Sie wollen aber unbedingt, dass ihr Kind neun Jahre an einem Gymnasium verbringt. Die Gesamtschule ist bei ihnen noch viel unbeliebter als ein reformiertes G8-Gymnasium. All das steht in Rainer Dollases Erhebung.

Bildungspolitische Gratwanderung

Deshalb ist das Ganze für Schulministerin Sylvia Löhrmann so gefährlich. Eine mobilisierungsstarke Gruppe (2015 sammelte eine Volksinitiative fast 100.000 Unterschriften für G9), darunter natürlich AnhängerInnen von SPD und Grünen, stellt den Grundsatz rot-grüner Gymnasialpolitik infrage. Wer das Abitur nach neun Jahren wolle, könne sein Kind ja auf eine Gesamtschule schicken. Für die G8-GegnerInnen ist diese Alternative keine, sondern bloß ein Trick, um das Gymnasium zu schwächen.
Natürlich weist Sylvia Löhrmann das weit von sich. Sie mahnt zur Geduld – die Entlastungen, die der Runde Tisch 2014 empfahl, müssten wirken. Tatsächlich hat das Ministerium das meiste rechtlich umgesetzt, etwa die Begrenzung der Zahl der Klassenarbeiten auf zwei pro Woche, niedrigere Richtwerte für Hausaufgabenzeiten und weniger Nachmittagsunterricht. Die Entlastung stockt noch in der Frage einer Jahresobergrenze für Klassenarbeiten.
Sylvia Löhrmann, die stets betont, die Schulentwicklung müsse dem Willen der Eltern folgen, und die sich ausgerechnet in diesem Großkonflikt gegen die Elternmehrheit stellt, ist nun von den Gymnasien abhängig. Sie müssen – das ist immer noch nicht überall geschehen – ihre Kultur an G8 anpassen: Mut zur exemplarischen Vermittlung entwickeln, eigene konkrete Fachlehrpläne ausarbeiten. Daran wird sich entscheiden, ob G8 in NRW noch eine Chance hat.

Dr. Frank Vollmer
Stellvertretender Ressortleiter Politik der Rheinischen Post, unter anderem zuständig für das Thema Schulpolitik

Foto: Lucas1989 / photocase.de

 

GEW NRW fordert grundlegende Reform

Der Rückwärtsgang ist keine Option

Viele Eltern in Nordrhein-Westfalen wollen weg von G8 und zum Abitur nach neun Jahren zurückkehren – das ergab eine von der Landeselternschaft der Gymnasien in Auftrag gegebene Umfrage. Ist das die Chance für ein breites Bündnis zur Reform des derzeitigen G8 unter Einschluss der GEW NRW? Eher nicht.
Die Bildungsgewerkschaft sieht mit Befremden den Wunsch nach der Rückkehr zu den „guten alten Zeiten“, in denen bei Weitem nicht alles gut war. Eine konservative Reform – wie sie Rainer Dollase offenbar befürwortet – mit 13 Jahren bis zum Abitur am Halbtagsgymnasium lehnt sie entschieden ab. Zwar stimmte die GEW NRW dem am Runden Tisch G8 /G9 entstandenen Maßnahmenpaket zur Weiterentwicklung des achtjährigen Bildungsgangs als einen notwendigen Schritt zu unmittelbaren Verbesserungen für LehrerInnen und SchülerInnen zu. Sie fordert aber darüber hinaus langfristig grund-legende Reformschritte an den Gymnasien in NRW: Die Sekundarstufe I muss an allen Schulformen wieder sechsjährig sein, alle Bildungsabschlüsse der Sekundarstufe I müssen an Gymnasien vergeben werden können. Die gymnasiale Oberstufe muss dahingehend reformiert werden, dass sie unterschiedlich lange Lernwege von zwei bis vier Jahren ermöglicht. Die Gleichwertigkeit aller angebotenen Fächer muss wiederhergestellt werden, um den SchülerInnen mehr Möglichkeiten zur individuellen Schwerpunktsetzung zu bieten. Der gebundene Ganztag muss weiter ausgebaut werden, um allen SchülerInnen – egal aus welchem Elternhaus sie stammen – die gleichen Chancen zur Partizipation an Bildung zu ermöglichen. Letztlich müssen alle Gymnasien auf dem Weg zu mehr Chancengerechtigkeit bei der Bildungsbeteiligung schrittweise zu Ganztagsgymnasien ausgebaut werden.

Frauke Rütter
Referentin für Schulpolitik der GEW NRW

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  1. Steffen RothBevor nun wieder der Verdacht aufkommt, die befragten Bürger wären halt zu uninformiert oder es mangele Ihnen an Intelligenz: Sowohl unter den Lehrerinnen und Lehrern als auch unter den Schulleiterinnen und Schulleitern war die Mehrheit in der anonymen Abstimmung sehr eindeutig für eine Rückkehr zu G9. Man könnte diese Gruppen wohl mit Fug und Recht als Experten für die praktische Umsetzung von G8 ansehen und Ihnen auch zutrauen abzuschätzen, wie viel "unzumutbaren" Aufwand eine Rückkehr zu G9 mit sich bringen würde.
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