Europa fühlen und wählen!

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Junge Leute interessieren sich nicht für Europa? Sie haben nur eine völlig andere Vorstellung davon, meint unser Autor René Sydow. Wie Europa wieder einen Sinn bekommt – ein Kommentar.

Europa fühlen und wählen!

Europa sichert Frieden und Wohlstand. Europa ist stark. Das gilt vor allem für Länder wie Deutschland. In dieser Sicherheit wachsen junge Menschen auf. Trotzdem haben Europapolitiker*innen das Gefühl, gerade die Jungen interessierten sich nicht für Europa und wenn, dann protestieren sie dagegen. Wie bei der Debatte um Artikel 13. All die satten jungen Leute, die stolz sein sollten auf das, was Europa für sie erreicht und ihnen ermöglicht hat. Warum scheint die Europawahl für sie so uninteressant? Warum kämpfen sie nicht für die „europäische Idee“?

Europa muss mehr sein als eine Wirtschaftsunion

Das tun sie, nur für eine andere. Europapolitik denkt fast ausschließlich in Wirtschaftsunionen, denkt in freizügigem (Waren-)Verkehr und Gewinnchancen. Die Stärke der europäischen Märkte scheint das einzig Identitätsstiftende. Zugegeben, neben der Friedensschaffung war die Wirtschaftsunion auch die ursprüngliche europäische Idee. Und sollten die Nachgeborenen der Leistungsgesellschaft das nicht auch so sehen? Sollten sie nicht glückselig sein in dieser Welt voll wirtschaftlicher Entfaltungschancen?
Mir ist die Wirtschaftlichkeit der EU vollkommen egal. Grundsätzlich sehe ich den finanziellen Erfolg eines Unternehmens als vollkommen gleichgültig für seine Bedeutung. Kaufmännischer Erfolg sagt nichts über den Nutzen einer Unternehmung aus. Eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt, mit 50 Milliarden Euro Umsatz im Jahr, ist die kalabrische Mafia. Nutzt die etwas? Eine wirtschaftliche Unternehmung – und das wäre die EU, wenn wir sie als reine Wirtschaftsunion nehmen – hat doch nur dann einen Nutzen, wenn sie in allen oder zumindest größtmöglichen  Teilen den Einbezogenen Sinn stiftet und das heißt eben auch, dass alle Europäer*innen Anteil haben müssten am
Wohlstand des Kontinents, denn es gehört – so Aristoteles – zur Glückseligkeit, dass jede*r einen ausreichenden Anteil an den Gütern dieser Welt hat, an materiellen wie immateriellen.

Europa muss fühlbar werden

Das Problem am Europa-Bild ist das Beharren auf dem Entweder-Oder. Wachstum statt Zufriedenheit. Geschwindigkeit statt Weitblick. Wirtschaftliche Interessen statt Wertegemeinschaft. Das klingt hip, modern und zukunftsorientiert. Aber vielleicht interessieren sich die jungen Menschen Europas ebenso wenig wie ich für das so zeitgeistige Wachstum. Eher für etwas, das gänzlich altmodisch klingt: Sinnstiftung. Ein abstrakter Begriff, weil man ihn nicht auf Flipcharts und in Excel-Tabellen skizzieren kann. Sinnstiftung ist ein Begriff, den selbst Halbgötter in Aufsichtsräten nicht errechnen können, sie könnten ihn nur erfühlen.
Vielleicht geht es nicht um die behauptete Gemeinschaft oder Wirtschaftsverbände, es geht um ein echtes Gemeinschaftsgefühl der Kulturen, basierend auf der komplizierten Erzählung dieses Kontinents, seiner Länder und Mentalitäten. Europas Stärke liegt nicht im Ökonomischen, eher sogar weniger, da ein ganzer Kontinent von Wirtschaftsexpert*innen nicht in der Lage zu sein scheint, ungleiche Bezahlung abzuschaffen oder Armut und Korruption zu bekämpfen. Gleichzeitig sind das überraschenderweise die Themen, die junge Leute bei einer Europawahl interessieren.
Europas Stärken sind die geistigen, die Tradition der Aufklärung, auch die Gefühlswelten der Einzelnen. Das klingt altmodisch, ist aber zeitgemäßer denn je. Es geht um die Notwendigkeit, für die Bürger*innen (gerade auch für die jungen) einen Anteil an Europa herzustellen. Nicht nur auf ökonomischer oder politischer Ebene, sondern auch auf der Gefühlsebene. Und alle Gefühle müssen an einen guten Ausgang glauben.


René Sydow
Kabarettist, Schauspieler und Filmemacher

Foto: iStock.com / Zbynek Pospisil

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