„Wir tun hier wenig Sinnentleertes“

Lehr- und Lernzeit an der Laborschule Bielefeld

Die Laborschule Bielefeld wurde 1974 als Versuchsschule des Landes NRW, unter Leitung des Pädagogen Hartmut von Hentig, gegründet. Ein Gründungsziel lautete: „Nie wieder ein zweites 1933!“ Die Schule soll als Polis im Kleinen mündige Bürger*innen in die Gesellschaft entlassen, setzt seit jeher auf neue Lern- und Lehrformen und alternative Konzepte von Zeit und Raum. Was können Regelschulsysteme vom Bielefelder Modell lernen und wie viel Flexibilisierung ist im gegenwärtigen Bildungssystem möglich?

„Wir tun hier wenig Sinnentleertes“

Das Lehrercafé der Laborschule ist kein klassisches Lehrerzimmer, sondern eine offene Fläche, erhöht auf einer Balustrade. Von dort schweift der Blick über die Ebenen von Haus 2, das ebenfalls ohne Wände und Türen auskommt. Das hat Konzept: Schulgründer Hartmut von Hentig wollte von jedem Standpunkt aus den Blick nach draußen ermöglichen. Es ist Frühstückspause. Die Pädagog*innen und Praktikant*innen sitzen locker zusammen und tauschen sich angeregt aus.
„Dass Schüler*innen in den Pausen in das Lehrercafé kommen, ist selten“, sagt Schulleiter Rainer Devantié, der von 2002 bis 2012 an der Deutschen Schule in Helsinki unterrichtete. „Die Kinder müssen nicht plötzlich in der Pause alles regeln, bei Problemen sind wir jederzeit ansprechbar.“ Jeden Montagmorgen haben sie die Möglichkeit, vom Wochenende zu berichten; jeder Schultag beginnt mit einer morgendlichen Versammlung im Klassenverband.
Und wo bereiten die Pädagog*innen ganz ohne abgetrennte Räume ihren Unterricht vor? Viele Kolleg*innen nutzen ihre Schreibtische auf der Fläche oder einen kleinen Computerraum. Doch einigen fehlt ein ruhiger Arbeitsort. Rainer Devantié und sein Team überlegen aktuell, ob in einen Arbeitsraum für Lehrer*innen oder in einen dringend benötigten Musikraum für die Eingangsstufe investiert wird. Trotzdem geht die große Arbeitsbelastung, die nicht zuletzt durch das hohe Engagement aller Kolleg*innen entsteht, mit einer hohen Arbeitszufriedenheit einher, wie eine kürzlich durchgeführte Untersuchung zeigt. „Das liegt daran, dass wir hier wenig Sinnentleertes tun“, so Rainer Devantié.

„Wir tun hier wenig Sinnentleertes“

Pädagogik mit Doppelauftrag 

An der staatlichen Laborschule wird durchgängig nach neuen Formen des Lehrens und Lernens geforscht. Die 90 Forschungsstunden verteilt die Schule auf sogenannte Forschungs- und Entwicklungsprojekte (FEP). Die Ideen werden intern entwickelt und in einem Lehrer*innen-Forscher*innen-Modell umgesetzt. Das heißt: Alle Lehrenden sind gleichzeitig auch Forscher*innen und arbeiten kooperativ mit Wissenschaftler*innen zusammen. Lehrer Jan Wilhelm Dieckmann entwickelt zurzeit ein Willkommens-FEP für Kinder mit Fluchthintergrund. Sein Ziel ist es, ein Curriculum zum Deutschlernen zu erarbeiten, das sich ins Regelschulsystem übertragen lässt.
An der Schule gilt der Erziehungsgrundsatz, ähnlich der finnischen Gemeinschaftsschule Peruskoulu: Niemand wird zurückgelassen. Jan Wilhelm Dieckmann ist Klassenlehrer der TOPAS-Klasse. Er betreut einen Jahrgangsverbund aus Dritt-, Viert,- und Fünftklässler*innen, plant ihren Tagesablauf und kann diesen auch spontan anpassen. Möglich ist das durch fachübergreifende Lehre und Unterrichtsstunden, die 60 statt 45 Minuten dauern.
Der Schultag beginnt um 8.30 Uhr mit einer Versammlung im Kreis. Die Versammlungsleitung hat eines der Kinder inne, die Klassenlehrer*innen leisten nur Hilfestellung. Hat er Fragen, meldet er sich genauso wie alle anderen. Hier bespricht die Klasse den Tagesablauf und übt spielerisch den Grundstoff. Dann beginnt die Lernzeit, bei der alle wegen der offenen Räumlichkeiten auf Flüsterlautstärke achten. Es gilt die Regel: Schüler*innen fragen bei Problemen erst drei Mitschüler*innen um Hilfe, bevor sie sich an die Lehrperson wenden. So wird dem Hentig‘schen Prinzip „Lernen aus Erfahrung und nicht aus Belehrung“ Rechnung getragen. Ein Meldekartensystem verhindert einen Stau vorm Lehrerpult. Während der Wartezeit lösen sie, in Absprache mit dem Klassenlehrer und immer auf das gemeinsame Ganze bezogen, individuelle Unterrichtsinhalte.
Mathematik macht den Kindern offensichtlich Spaß, denn immer wieder belagern sie ihren Klassenlehrer und wollen Einmaleins-Pass spielen. „Letzten November habe ich angefangen die Grundlagen zu vermitteln, jetzt geht es um die Automatisierung“, sagt Jan Wilhelm Dieckmann. Die Kinder rattern eine Reihe des Einmaleins vorwärts, rückwärts und durcheinander in unter zehn Sekunden herunter und sie kriegen nicht genug davon. Zusätzlich zu festen Lernphasen gibt es eine freie Lernzeit. Diese nutzen die Schüler*innen, um selbstständig an eigenen Projekten zu arbeiten, in der Bibliothek zu lesen oder Geschichten zu schreiben.

„Wir tun hier wenig Sinnentleertes“

Schule als Lebens- und Erfahrungsraum

Nach Konzentrationsphasen folgt eine Bewegungspause. Die Kinder stehen auf und postieren sich auf einer abgeklebten Linie zwischen den Arbeitstischen. Sie sollen sich auf Zehenspitzen auf der Linie bewegen und wieder ihren Ausgangsplatz erreichen. „Bewegung ist wichtig für die Kinder, für mich ist das gleichzeitig Diagnostik, weil ich sehe, wo es motorische Auf-fälligkeiten gibt“, so Jan Wilhelm Dieckmann.
Auch wenn die Pädagog*innen hier viel Sinnvolles leisten, bleiben Probleme nicht aus. Professionell geführte Supervisionen wären wünschenswert. Doch wie so oft fehlt das Geld dafür. „Wenn es Bedarf gibt, machen wir irgendwo Geld locker“, betont die Didaktische Leiterin Christine Biermann energisch. „Wichtig sind persönliche Gespräche, die Möglichkeit Auszeiten zu nehmen oder die Arbeitszeit zu reduzieren.“ Beratend stehen der Schulleitung ein Lehrerrat, die Steuergruppe Gesundheit und ein Team aus Sozialpädagog*innen, Sozialarbeiter*innen und dem Schulpsychologen zur Seite.
Die 15-jährige Anna ist Schülerguide und macht Öffentlichkeitsarbeit für die Schule, indem sie bestens vorbereitet interessierte Gäste durchs Haus führt. Sie spricht sehr reflektiert darüber, was die Schule für sie ausmacht. Sie duzt ihre Lehrer*innen und findet: „Respekt kommt nicht davon, dass wir unsere Lehrer*innen siezen. Bei uns gehört die Gleichberechtigung zum Konzept.“ Anna ist in der neunten Klasse und bekommt zum ersten Mal Noten. Sie weiß, dass sie bewertbar sein muss, um eine weiterführende Schule zu besuchen. Sie findet dennoch, dass man Schüler*innen nicht auf sechs Noten reduzieren kann. „Ich lerne jetzt nur noch für einen Schnitt und weiß nicht mehr, was ich gut oder weniger gut gemacht habe. Meine Motivation hat abgenommen.“ Sie ist es gewohnt,  im Halbjahr eine schriftliche Beurteilung zum Arbeits- und Sozialverhalten und am Ende des Schuljahres zusätzlich eine ausführliche fachliche Beurteilung von ihren Lehrer*innen zu erhalten. Auch innerhalb des Schuljahres wird jeder Test und jedes Projekt mit den Schüler*innen durchgesprochen. Das schließt immer auch die eigene Beurteilung der Leistung ein.

„Wir tun hier wenig Sinnentleertes“

Kooperatives Lernen von Anfang an

Kleine Kinder brauchen kleine Klassen, eine Idee Hartmut von Hentigs, die die Laborschule noch heute umsetzt. Rund 16 Kinder im Alter von fünf Jahren werden in das „Integrierte Vorschuljahr“ – die Stufe I – eingeschult und lernen im Verbund mit der ersten und zweiten Klasse. Manche Kinder steigen direkt in den schulischen Alltag ein, andere brauchen einen sanfteren Übergang ins Schulleben und spielen länger. Von Beginn an wird es den Kindern ermöglicht, nach eigenen Bedürfnissen zu arbeiten.
Schon in den Einstiegsklassen gibt es keine abgegrenzten Fächer, sondern Lernzeiten. Die Kinder lernen aus Erfahrung: Im Wald werden Abstände zwischen Bäumen gemessen und später im Unterricht mit Maßeinheiten verknüpft. Ab der ersten und zweiten Klasse bekommt jedes Kind einen individuellen Wochenplan und darf selbst entscheiden, wann es was innerhalb der Lernzeiten lernt. Das Konzept wird systematisch über einen gestuften Bildungsgang bis zur zehnten Klasse weitergeführt. Leben und Lernen bleiben stets aufeinander bezogen. „Dazu sind multiprofessionelle Teams notwendig und das nicht erst seit der Inklusion“, fasst Rainer Devantié zusammen.

Roma Hering
Freie Journalistin

Fotos: A. Etges

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