Kämpferin für Bildung mit Haltung und Hoffnung

Türkische Gewerkschafterin flieht nach Deutschland

Sakine Esen Yılmaz war zehn Jahre lang Türkisch-Lehrerin und seit 2015 Generalsekretärin der türkischen Lehrergewerkschaft Eğitim Sen. Sie kämpfte für das Recht auf muttersprachlichen Unterricht, setzte sich gegen Kinderarbeit und die Islamisierung des Schulsystems ein. Bevor sie nach Deutschland flüchtete, war sie in der Türkei untergetaucht. Von Deutschland aus unterstützt sie ihre Kolleg*innen mithilfe der GEW, die mit Eğitimn Sen seit Jahren kooperiert.

Wir treffen Sakine Esen Yılmaz und ihren Begleiter Süleyman Ateş vor dem DGB-Gebäude in Köln. Sie kommen gerade aus Kassel, wo sie vor Gewerkschaftsvertreter*innen Sakines Geschichte erzählt haben. Süleyman Ateş ist seit 1979 Gewerkschaftsmitglied und Mitglied im Bundesausschuss Migration, Diversity, Antidiskriminierung (BAMA) der GEW. Seit Sakines erstem Tag in Deutschland ist er an ihrer Seite, übersetzt, kümmert sich um Asylangelegenheiten, koordiniert ihre Termine und stellt Kontakte zu Gewerkschaftskolleg*innen her.
Sakine Esen Yılmaz ist Kurdin, Alevitin, Gewerkschafterin und Frau. Die Summe dieser vier Eigenschaften erlaubte ihr kein friedliches Leben in der Türkei. Nach ihrer Flucht lebt sie heute in Köln, nachdem sie Station in verschiedenen Städten Deutschlands machen musste, unter anderem in einem Erstaufnahmelager in Essen. Die blonde Frau redet leise, aber mit fester Stimme. Ihre eindringliche Mimik zeugt vom Schrecken der Unterdrückung, gegen die sie ein Leben lang kämpfen musste.
Die 39-Jährige wurde an einem symbolträchtigen Tag in der kurdischen Stadt Adıyaman, im Südosten der Türkei, geboren. Es war der 8. März, der Internationale Frauentag. Von klein auf erlebte sie Gewalt in der Familie. Schon früh lernte sie, ihre kurdische Herkunft in der Öffentlichkeit zu leugnen, weil sie Repressalien zu befürchten hatte. Bis zur Grundschule spricht sie kein Türkisch. „Vielleicht bin ich deswegen Türkisch-Lehrerin geworden. Wenn man sich besser ausdrücken kann, lässt sich auch gezielter Kritik üben. Eine kurdische Frau, die sich in der Gesellschaft äußert, wird sofort kriminalisiert“, betont sie. 2000 schließt sie ihr Lehramtsstudium ab und tritt in die Gewerkschaft ein.

„Wir konnten nicht mehr atmen“

Schnell fühlt sie sich in Gewerkschaftskreisen aufgehoben und wird mit 37 Jahren Generalsekretärin der laizistischen Bildungsgewerkschaft Eğitim Sen, mit mehr als 120.000 Mitgliedern. Davor engagierte sie sich als Frauensekretärin und setzte sich verstärkt für mehr Bildungschancen für Mädchen ein. Die Gewerkschaft versucht auch, Öffentlichkeit für die prekären Beschäftigungsverhältnisse im türkischen Bildungssektor zu schaffen und Verbesserungen zu bewirken.
Die politische und gewerkschaftliche Arbeit ist in den vergangenen Jahren in der Türkei immer schwieriger geworden. „Bis zum Putsch am 15. Juli 2016 hatten wir die Hoffnung, etwas bewirken zu können. Das gab uns Mut weiterzukämpfen“, sagt Sakine Esen Yılmaz. Danach wussten ihre Gewerkschaftskolleg*innen nicht, ob, wann und wohin sie versetzt oder sogar verhaftet werden. „Alle, die sich auf demokratische Werte stützten, lebten sehr unsicher. Wir konnten nicht mehr atmen“, macht sie eindrücklich klar.
Doch auch diese unhaltbaren Zustände waren nicht ausschließlich der Grund für ihre Flucht, sondern Anklagen seitens des Staates. Sakine Esen Yılmaz saß 2009 sechs Monate im Gefängnis in Izmir, weil sie muttersprachlichen Unterricht für die kurdische Bevölkerung gefordert hatte. 2012 kam sie erneut in Haft, angeblich wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation, obwohl alle Beweise, die im Prozess angeführt wurden, ausschließlich mit ihren Gewerkschaftsaktivitäten verknüpft waren. Sie kam nach ihren Gefängnisaufenthalten zwar auf freien Fuß, durfte die Türkei aber nicht verlassen. Als eines der Urteile gegen sie im April rechtskräftig wurde und drei Jahre und vier Monate Haft drohten, tauchte sie unter, brach den Kontakt zu ihrer Familie, Bekannten und Freunden ab. „Wäre ich dort geblieben, würde ich nahezu mein restliches Leben im Gefängnis verbringen.“ Insgesamt 22 Jahre, zählt man die gesammelten Anklagen zusammen.
Die AKP ist seit 15 Jahren an der Macht und hat seitdem das türkische Bildungssystem stark verändert. Universitäten wurden neu gegründet oder reformiert, dort lehren und arbeiten AKP-treue Mitarbeiter*innen. Absolvent*innen religiöser Akademien sind bei der Zulassung für Hochschulen den Absolvent*innen von geistes- und naturwissenschaftlichen Schulen gleichgestellt. Letztere fehlen an den Schulen.

Schule unter religiösen Vorzeichen

Im März 2012 verhängte die türkische Regierung eine umfassende Schulreform, die „4 + 4 + 4“. Die Formel beschreibt die zwölfjährige Schulpflicht und umfasst vier Jahre Grundschule, gefolgt von vier Jahren Mittelschule und vier Jahren Oberschule. Im Kern stand die Rehabilitierung der Mittelschule und die damit verbundene Aufwertung der İmam-Hatip-Schulen, die ursprünglich für die Ausbildung islamischer Geistlicher gedacht waren. Religiöse Themen konnten sich so in staatlichen Schulen etablieren.
Die Lehrpläne wurden nationalisiert, islamischer Werteunterricht verstärkt und der gesamte Unterricht mit religiösen Inhalten gefüllt. Neben dem bestehenden Pflichtfach Religion wurden drei neue Wahlfächer wie Koranlehre, Arabisch und das Leben des Propheten Mohammed eingeführt. Kinder dürfen nun schon ab drei Jahren am Koranunterricht teilnehmen. Auch Kinderfilme und andere Medien werden weiter schleichend religiös durchsetzt.
Bis 2012 fand religiöse Erziehung nicht in den Schulen statt, sondern wurde in Moscheen oder im Rahmen der İmam-Ausbildung gelehrt. Sakine Esen Yılmaz macht auch deutlich, dass nicht nur die Islamisierung ein großes Problem sei, sondern auch der flächendeckende Mangel an Schulen. „In meinem Dorf leben 6.000 Menschen, dort gibt es keine weiterführende Schule. Wenn die Kinder auf eine solche Schule gehen möchten, werden sie von ihren Familien und Mitschülern getrennt, ganz zu schweigen von den Strecken, die sie bis zur Schule bewältigen müssen.“
Viele Lehrer*innen, mehrheitlich Mitglieder von Eğitim-Sen, die der AKP-Regierung kritisch gegenüberstehen, sind vor Schulbeginn 2016 entlassen oder suspendiert worden. Zurzeit gibt es in der Türkei 350.000 studierte Lehrer*innen, die arbeitslos sind. Sie werden jetzt, anstelle der Entlassenen, unter prekären Bedingungen mit befristeten Verträgen eingestellt. „Die Entlassungswelle hat nur einen Grund: den Beruf unsicher zu machen und Menschen unter Kontrolle zu bringen“, betont die Gewerkschafterin. Lehrer*innen, die Mitglieder bei Eğitim-Sen sind, werden schon seit Jahren bedroht und kriminalisiert.
In den ersten zwei Monaten des neuen Schuljahres erhielten über eine Million Schüler*innen deshalb keinen Unterricht. In Dersim oder Diyarbakır protestierten Eltern gegen die Kündigungen der Lehrer*innen. Diese hartnäckige Haltung und auch der Druck von internationalen Bildungsgewerkschaften haben dazu geführt, dass einige der Entlassenen wieder eingestellt worden sind. „Dennoch versuchen sie immer noch, einzelne Kolleg*innen zu entlassen. Sie sind nicht mehr frei in der Ausübung ihres Berufes“, macht Sakine Yılmaz deutlich.

Gewerkschaft macht stärker

Sakine Esen Yılmaz wünscht sich, dass die Türkei die Vielfalt ihrer Nation anerkennt und Erziehung in der  Muttersprache erlaubt, eingebunden in ein laizistisches, säkulares und demokratisches Regierungssystem. Um Schüler*innen optimal unterrichten zu können, müssten flächendeckend neue Schulen und Sportplätze gebaut werden. Außerdem fehlt es an Bibliotheken und qualifizierten Inhalten im Kulturbereich. Trotz der traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit, bleibt Sakine Esen Yılmaz hoffnungsvoll: „Meine deutschen Kolleg*innen haben mir eine unglaubliche Solidarität zuteil werden lassen. Als ich hier ankam, war ich traumatisiert, aber der herzliche Empfang hat mich therapiert. Ich bin jetzt viel stärker und glaube, dass Menschen, die Frieden suchen, auch gewinnen werden. Es ist eine vorübergehende Zeit.“

Roma Hering
Freie Journalistin

Fotos: A. Etges

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