Stärker von den Aktiven aus denken

Unpolitisch ist die Jugend laut der aktuellen Shell-Studie nicht – profitieren Gewerkschaften davon?
Eric Schley, Bezirksjugendsekretär des DGB NRW, über den Generationenwechsel und die Zukunftsfähigkeit von Gewerkschaften.

punktlandung: Die Zahl der jungen DGB-Mitglieder steigt seit einigen Jahren kontinuierlich, doch vor allem unter jungen AkademikerInnen ist der Organisationsgrad niedrig. Woran liegt’s?

Eric Schley: Für die Zukunftsfähigkeit aller acht DGB-Gewerkschaften werden die akademischen Mitglieder immer wichtiger, denn bereits heute beginnt in NRW mehr als die Hälfte aller SchulabgängerInnen ein Studium. Beim DGB ist diese Entwicklung durchaus angekommen: Während wir in NRW 2008 noch 6.300 studierende Mitglieder hatten, waren es 2014 schon 9.300.
Bisher haben wir versucht, Studierende mit einem sehr breit gefächerten Beratungsangebot auf dem Campus für uns zu gewinnen. Aber der Versuch, den ganzen Strauß an Studiengängen abzudecken, war leider nicht so erfolgreich. Für NRW haben wir deshalb unser Konzept komplett umgestellt: Jetzt geht es darum, mit einzelnen Mitgliedsgewerkschaften die Hochschulstandorte zielgruppenspezifisch zu bearbeiten. Die Beratung konzentriert sich auf nur wenige Studiengänge, aber dafür mit spezialisierteren Angeboten. Die GEW als Bildungsgewerkschaft berät zum Beispiel an den lehrerausbildenden Unis und die IG Metall kümmert sich um die ElektrotechnikerInnen. Die Einzelgewerkschaften werden so als die Experten wahrgenommen, die sie eben auch sind, wenn es um Fragen der bevorstehenden Arbeitswelt geht.
Und die Zahlen geben uns recht: Vor allem die IG Metall Jugend hat in der Studierendenarbeit in den letzten Jahren richtig losgelegt. 2012 hatte sie bundesweit noch 17.000 studierende Mitglieder, 2014 waren es schon 30.000. 

Vor allem vor der Übernahme von Ämtern schrecken junge GewerkschafterInnen oft zurück. Woran liegt das?

Meine Erfahrung ist eher, dass junge GewerkschafterInnen sogar sehr gerne Verantwortung übernehmen, aber eben im Jugendbereich, denn hier funktioniert Gremienarbeit anders. Die Gewerkschaftsjugend arbeitet schon jetzt sehr flexibel, projektbezogen und mit modernen Aktionsformen. Das erleichtert den Einstieg.
Ein echtes Problem haben die DGB-Gewerkschaften aber beim Übergang vom Jugend- in den Erwachsenenbereich: JugendvertreterInnen werden leider nicht automatisch Betriebs- oder PersonalrätInnen. Auch in den gewerkschaftlichen Gremien verlieren wir gute und kompetente Leute, wenn sie plötzlich zu alt für die Jugendmandate sind.
Wir merken vor allem bei jungen Frauen einen Bruch: Wenn sie mit Ende 20, Anfang 30 eine Familie gründen, sind sie meist raus aus der aktiven Gewerkschaftsarbeit und finden nur schwer den Weg zurück. Seit 2013 gibt es deshalb im DGB NRW ein Projekt, um mehr junge Frauen zu gewinnen und mehr von ihnen in Funktionen zu bringen.
Es geht darum, eine Willkommenskultur für die jungen Kolleginnen in den eher überalterten Frauengremien zu schaffen und gemeinsame Themen und Positionen zu entwickeln. Was verstehen wir eigentlich inhaltlich unter Frauenarbeit? Und können wir die Gremienarbeit flexibler gestalten? Noch ist die Form des anlassbezogenen Engagements im Erwachsenenbereich schwierig. Aber gerade die Zusammenarbeit von DGB Jugend NRW und DGB-Frauen, die dieses Projekt gemeinsam leiten, zeigt, dass beide Seiten ein großes Interesse daran haben den Generationenwechsel hinzubekommen. 

Gewerkschaften gelten für viele Jüngere als starrer, verkrusteter Apparat, der auf aktuelle Entwicklungen nur träge reagieren kann. Ist da was dran?

Leider stimmt das: Formalismus und Gremiensitzungen sind nicht sexy. Im Jugendbereich haben wir das wirklich schon gut aufgebrochen. Im Erwachsenenbereich passiert es aber leider immer noch oft, dass junge Leute Themen einbringen, die sie sofort bearbeiten wollen, weil sie gerade aktuell sind. Aber bis das Thema durch sämtliche Gremien gelaufen und abgesegnet ist, ist es eigentlich schon wieder überholt. Um schneller reagieren zu können, müssen wir neue Wege gehen. Politische Themen warten nicht darauf, dass wir eine Entscheidung dazu getroffen haben. Wir müssen die Gremien und die Entscheidungsstrukturen daran anpassen und lernen, stärker von den Aktiven aus zu denken, weniger von der Organisation.

Und inhaltlich? Zieht Arbeitsplatzpolitik bei jungen Leuten? Oder muss der DGB neue Themen besetzen?

Es gibt auf jeden Fall arbeitsplatz- und tarifbezogene Themen, die für junge Leute wichtig sind. Zum Beispiel die Frage nach flexibler Arbeitszeit. Junge ArbeitnehmerInnen wünschen sich in bestimmten Lebensphasen ihre Arbeitszeit auf Teilzeit zu reduzieren und sie in anderen Phasen mit einem Rückkommrecht auf Vollzeit wieder zu erhöhen. Laut einer Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung wollen viele junge Männer mehr Zeit für ihre Familie haben und würden dafür auch in Teilzeit gehen und auf Geld verzichten. Junge Frauen möchten oft wieder durchstarten, nachdem sie sich zwei, drei Jahre lang auf ihre Familie konzentriert haben. Aber beide Seiten sind durch die tradierten Arbeitszeitmodelle gehemmt.
Und auch die berufliche Weiterbildung spielt für junge Leute eine große Rolle. Anders als die Generationen vor ihnen wollen sie sich nach einigen Jahren im Job weiterentwickeln. Die IG Metall fordert deshalb ein verankertes Recht auf Weiterbildung. ver.di und IG Metall haben gemeinsam das Leitbild „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ formuliert: Im Kern geht es dabei um verbesserte Übergänge und Anschlüsse zwischen akademischer, beruflicher und dualer Ausbildung.
Gewerkschaften besetzen außerdem nicht nur Themen,  die die individuellen ArbeitnehmerInnen betreffen, sondern auf globale Gerechtigkeit abzielen. Der DGB NRW steht auch für ökologisch nachhaltige Arbeit. Und ganz aktuell positionieren sich die Gewerkschaften in der Flüchtlingsfrage, wenn es zum Beispiel um die Integration von Geflüchteten in die Arbeitswelt geht. Wir können diesen Prozess organisieren, moderieren und eine Schnittstelle bilden. Wir können dazu beitragen, dass es keine Konkurrenz und keine Verteilungskämpfe zwischen ArbeitnehmerInnen gibt – egal aus welchem Land und aus welchen Gründen sie migriert sind. Wir planen als DGB NRW sowohl JugendvertreterInnen oder Betriebsräte genau für diese Aufgabe zu qualifizieren. So gestalten Gewerkschaften Gesellschaft– und das ist für unsere jungen Mitglieder genauso wichtig wie gerechte Bezahlung.

Eric Schley
Bezirksjugendsekretär des DGB NRW

Foto: gobbafoto / photocase.de

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