Gefragt sind größere Gesellschaftsentwürfe

Obwohl das Interesse junger Menschen an Politik tendenziell steigt, spüren viele große politische Organisationen davon wenig. Politikwissenschaftler Felix Butzlaff erklärt, wo die Ursachen liegen und wie etwa Gewerkschaften und Parteien attraktiv bleiben können.

punktlandung: Herr Butzlaff, wie ist es um den politischen Nachwuchs in Deutschland bestellt? Müssen Parteien und Gewerkschaften sich Sorgen machen?

Felix Butzlaff: In der Tat ist der Anteil junger Menschen etwa an den Parteimitgliedschaften heute viel geringer als er in den 1970er Jahren war. Allerdings ist diese Entwicklung nicht bei allen Parteien gleich: Die Grünen, die Linke und die FDP haben einen höheren Anteil an Jungmitgliedern und bei den Liberalen wie den Linken ist dieser seit den 1990er Jahren auch noch gewachsen. Es sind besonders die beiden großen Volksparteien – SPD und CDU–, bei denen sich schwindende Jungmitgliedschaften bemerkbar machen. Bei den SozialdemokratInnen etwa hat sich der Anteil an Mitgliedern unter 30 seit 1990 fast halbiert und gegenüber den 1970er Jahren auf ein gutes Viertel reduziert.

Wie kommt das?

Junge Menschen haben heutzutage viel stärker das Gefühl, dass es nicht mehr die traditionellen Großorganisationen – Parteien, Gewerkschaften, Kirchen – sind, in denen über die Zukunft ihrer Gesellschaft relevant debattiert und diese beeinflusst werden kann. Die Handlungsfähigkeit gegenüber einer globalisierten Wirtschaft– und auch die eigene Ohnmacht – haben viele dieser Organisationen durch die Betonung von vermeintlichen Alternativlosigkeiten selbst klein gemacht. Zudem sind große Organisationen immer auch Vermittlungsinstanzen, die viele Interessen miteinander in Ausgleich bringen müssen. Viele junge Menschen haben aber das Gefühl, sich nur mit wenigen Zielen einer Organisation identifizieren zu können, aber die anderen Programmpunkte dann nicht mehr akzeptieren zu wollen. Das ist wohl Folge eines fortschreitenden Individualisierungsprozesses.

Wie müssen Gewerkschaften und Parteien sich verändern, um zukunftsfähig und attraktiv für junge Leute zu sein?

Es müsste erstens darum gehen, wieder über größere, konkretere Gesellschaftsentwürfe zu diskutieren: Wie genau stellen wir uns unser zukünftiges Leben vor und wie genau soll das erreicht werden? Zweitens müssten sich Parteien, Gewerkschaften, Kirchen die Frage stellen, wie sie selbst zum Zentrum dieser Diskussion werden können. Dazu zählt auch, den Kontakt zu allen denkbaren zivilgesellschaftlichen Organisationen nicht abreißen zu lassen und eine Großorganisation als produktives Netzwerk vieler Bewegungen zu verstehen. Und gleichzeitig, drittens, den Mitgliedern mehr Raum zu geben, eigene Initiativen zu entwickeln, und sie auch bei der Umsetzung zu unterstützen. Genau dafür sind die zuerst genannten Gesellschaftsentwürfe eine wichtige Voraussetzung: Nur wenn Menschen eine Idee davon haben, warum sie sich eigentlich engagieren sollen, wofür Partizipation gut sein soll, motivieren Angebote dazu auch mitzumachen.

Dr. Felix Butzlaff
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demokratieforschung der Universität Göttingen

Foto: marqs. / photocase.de

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