Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn

Migrationsspezifische Schulsozialarbeit

An der Max-von-der-Grün-Abendrealschule im Dortmunder Unionviertel gelingt vielen Studierenden das, was ihnen an regulären Tagesschulen nicht möglich war: ein Schulabschluss, der den Weg für die Berufslaufbahn ebnet. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es eine große Portion Motivation –  und helfende Hände von Lehrerkollegium und Schulsozialarbeit, die da sind, wenn sie gebraucht werden.

Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn

Ein Donnerstag im Dortmunder Unionviertel. Es ist still in dem großen, grünen Gebäude der Max-von-der-Grün-Abendrealschule. Letzter Schultag im Wintersemester, leere Klassenzimmer und leere Flure. Noch! Später, am Nachmittag, wird es fröhlich und laut. Die Studierenden kommen, um ihre Zeugnisse entgegenzunehmen – 43 davon gehören zur Abschlussklasse. Sie haben die Fachoberschulreife erreicht, 14 von ihnen mit Qualifikationsvermerk. Hinter den kleinen, offiziellen Papieren der AbsolventInnen verbergen sich 43 Geschichten. Ganz individuelle und oft nicht ganz einfache Geschichten von Menschen, die an der Abendrealschule zwei Jahre lang für einen Abschluss gekämpft haben. Menschen, die auf dem zweiten Bildungsweg das geschafft haben, was ihnen an einer regulären Tagesschule unerreichbar erschien.

Schulsozialarbeit und Lehrerkollegium: Hand in Hand für die zweite Chance 

Die Bildungsbiografien der AbsolventInnen sind so unterschiedlich wie die Studierenden selbst. Eines aber haben viele gemeinsam: einen Migrationshintergrund. „Der Anteil der ausländischen Studierenden an unserer Schule beträgt zurzeit rund 70 Prozent“, erklärt Schulleiter Falko Grunau. Der Grund: „Gerade Jugendliche nichtdeutscher Herkunft gehen an Tagesschulen oft unter; der Anteil derer, die scheitern, liegt bei 15 Prozent. Bei uns an der Abendrealschule haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Gelegenheit, ihre Schulabschlüsse nachzuholen.“
Damit der zweite Anlauf von Erfolg gekrönt ist, braucht es eine große Portion Mut und Durchhaltevermögen von den Studierenden – und Menschen, die sie unterstützen, wenn es mal schwierig wird. Solche Menschen gibt es an der Abendrealschule viele: engagierte und erfahrene LehrerInnen, Schulleiter Falko Grunau und seit fast fünf Jahren auch Driton Gashi. Der Schulsozialarbeiter begleitet die Studierenden mit viel Engagement und Herzblut. 

Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn
Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn

Präventiv arbeiten: Kontakt halten und Mut machen 

Ob Bewerbungen schreiben, Praktika suchen, Anträge für eine Ausbildungsförderung oder das Bildungs- und Teilhabepaket ausfüllen sowie ganz persönliche Probleme – der Schulsozialarbeiter steht mit seiner Erfahrung zur Seite. „Psychische Probleme treten bei uns auf dem zweiten Bildungsweg schon manchmal auf. Meine Aufgabe ist es, die Studierenden aufzufangen, einen vertraulichen Rahmen zu schaffen. Viele müssen erst einmal lernen, dass Schule nicht per se etwas Schlimmes ist.“
An oberster Stelle steht für den 40-Jährigen dabei die präventive Arbeit. „Denn wer es bei uns nicht schafft, steht ohne Schulabschluss da. Am wichtigsten ist deshalb, die Studierenden zu ermutigen und zu motivieren. Ich setze alles daran, immer im Gespräch zu bleiben, um Probleme entweder erst gar nicht entstehen zu lassen oder eben sofort da zu sein, wenn es mal schwierig wird.“

Individuelle Geschichten: Schulsozialarbeit für MigrantInnen und Geflüchtete

Was braucht Schulsozialarbeit zusätzlich neben der üblichen Unterstützung, wenn sie an einer Schule erfolgreich sein soll, an der ein Großteil der Studierenden aus anderen Ländern stammt? „Generell unterscheide ich nicht danach, aus welchem Land die jungen Menschen kommen, welche Sprache sie sprechen – doch es ist natürlich so, dass ein Studierender, der aus Bangladesch kommt und als Minderjähriger aus seinem Heimatland geflüchtet ist, einfach andere Probleme hat als ein deutscher Muttersprachler oder eine türkische Schülerin, die in der dritten Generation hier lebt. Deutschstämmige Studierende und die MigrantInnen der dritten Generation unterstützen die neu Zugewanderten sehr. Ihre Hilfsbereitschaft ist enorm“, sagt Driton Gashi begeistert. Freundschaften entstehen, Alltagshilfe wird angeboten, Sprachkenntnisse werden verbessert. Für viele neu Zugewanderte sind die Kontakte in der Schule sehr wichtig, da sie sonst in ihrem Alltag sehr wenige Möglichkeiten haben, zur Mehrheitsgesellschaft Zugang zu finden.
In der Beratung geht es um Themen wie Verlust von Heimat und um Trauer. Um schwierige Lebensverhältnisse, wenn Angehörige nachgezogen sind und nun alle zusammen auf engem Raum leben. Der Umgang damit erfordert eine hohe interkulturelle Kompetenz. Dass der Schulsozialarbeiter diese mitbringt, liegt auch daran, dass er selbst vor 25 Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen ist. „Ich erinnere mich gut daran, wie ich als 15-Jähriger in einer internationalen Förderklasse saß und kein Wort verstanden habe. Wichtig ist es, Menschen mit Migrationshintergrund nie das Gefühl zu geben, dass sie etwas nicht können. Ich begegne daher allen Studierenden auf Augenhöhe.“ 

Fundament für eine erfolgreiche Schullaufbahn

Stadtteilprojekt: Das Unionviertel spricht viele Sprachen

Dazu gehört auch, die jungen Menschen in ihrer Persönlichkeit und in ihrer Muttersprache ernst zu nehmen und wertzuschätzen. Vor zwei Jahren entstand daraus die Idee zum Sprachenprojekt „Das Unionviertel spricht viele Sprachen“. „Wir wollten zeigen, wie viele Sprachen bei uns in der Schule und im Unionviertel eigentlich gesprochen werden. Oft heißt es ja, MigrantInnen sprechen drei, vielleicht vier Sprachen: russisch, türkisch, arabisch, italienisch. Wir wollten aber jede Sprache erwähnen, die bei uns an der Schule und im Unionviertel gesprochen wird und sind dabei auf Muttersprachen gestoßen, von denen viele von uns vorher kaum gehört hatten. Zum Beispiel Tigrinya, das wird in Eritrea gesprochen, Luo in Kenia oder Igbo in Nigeria“, erzählt Schulleiter Falko Grunau.
Viele dieser Sprachen sind in den Heimatländern der Studierenden nicht anerkannt und werden in den Schulen dort nicht gesprochen. „Das setzt sich dann hier fort“, musste Driton Gashi bedauernd feststellen. „Für solche Probleme wollten wir ein Bewusstsein schaffen“, sagt er weiter. Mit nachhaltigem Erfolg: Rund 50 Sprachen haben die Studierenden im Laufe der Zeit recherchiert und kennengelernt. Die Projektausstellung wurde bereits dreimal auf verschiedenen Veranstaltungen präsentiert. Auch zur Motivation der Studierenden selbst trägt das Projekt viel bei: Sie fühlen sich als Person und mit ihrer Muttersprache ernst genommen. Das steigert wiederum den Mut, sich hier zu engagieren, Deutsch zu lernen und sich zugehörig zu fühlen. Darum geht es!
Die Zeugnisübergabe neigt sich dem Ende zu, die letzte Studentin nimmt ihr Zeugnis entgegen. Zwischen den stolzen AbsolventInnen stehen Schulsozialarbeiter Driton Gashi, Schulleiter Falko Grunau und das Lehrerkollegium. In ihren Gesichtern spiegelt sich der Stolz wider, den die AbsolventInnen empfinden. „Momente wie diese sind der Lohn für unsere Arbeit“, sagt Driton Gashi. „Zu sehen, wie bestärkt und ermutigt die Studierenden nach der Zeit bei uns sind und wie optimistisch sie ihren Weg antreten.“

Denise Heidenreich
Freie Journalistin

Fotos (v. o. n. u.): view7, Max-von-der-Grün-Abendrealschule

 

Systemische Beratung bei privaten Problemen

Systemische Beratung nimmt bewusst nicht nur den einzelnen Menschen in den Blick, sondern zielt auf die gesamte Umgebung, in der er sich bewegt. Sie fußt auf der Erkenntnis, dass nie nur Einzelne an Problemen beteiligt sind. Es sind zumeist mehrere Personen, die Einfluss nehmen.
Das Ziel Systemischer Beratung ist, in den Beteiligten vorhandene Kräfte zu wecken. Auf diese Weise finden Ratsuchende Problemlösungen mit einem konkreten Ziel vor Augen. Mit einem systemischen Beratungsansatz sollen die jungen Erwachsenen und teilweise ihre Eltern und PartnerInnen Impulse erhalten, um Wege der Veränderung zu finden.
Mit jedem einzelnen Fall müssen SozialpädagogInnen sensibel umgehen. Die Gespräche brauchen Zeit und fordern Kraft. Die Kooperation mit Beratungsstellen wie dem Jugendamt, Regionalen Bildungsbüros oder schulpsychologischen Stellen ist dabei unverzichtbar, eine Vermittlung aber nicht immer erfolgreich. Einige junge Menschen schaffen den Weg zu einer Fachberatung aus Schamgefühl oder aus Angst nicht. Hier hat die Schulsozialarbeit eine ganz besondere Verantwortung: Sie gibt den jungen Menschen Halt und fängt sie auf. SchulsozialarbeiterInnen begleiten – wenn nötig bis vor eine Klinik oder eine Beratungsstelle.

Driton Gashi
Schulsozialarbeiter

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