Gewerkschaft in den USA: We are fighting for all people!

(Bildungs-)Gewerkschaften in gesellschaftlicher Verantwortung

Barbara Madeloni ist Präsidentin der Massachusetts Teachers Association (MTA), der 110.000 Lehrer*innen des US-Bundesstaats angehören. Auf der Konferenz „Critical Theories of education today“ in Philadelphia sprach sie über gewerkschaftliche Arbeit, soziale Gerechtigkeit und den Kampf für eine bessere Gesellschaft. Welche Verantwortung trägt insbesondere eine Lehrer*innengewerkschaft? Und wie verstehen Gewerkschafter*innen in den USA ihre Rolle angesichts aktueller politischer Entwicklungen?

Als Barbara Madeloni mit ihrem Vortrag „Pedagogy and Power: The essential role of teachers‘ Unions in movement building“ beginnt, ist schnell klar, in welche Richtung es gehen würde: Ihr T-Shirt trägt die Aufschrift „Troublemaker-Union“. Ein indirektes Verspechen, das eingelöst werden soll. Kämpferisch erinnert die MTA-Präsidentin einsteigend an die Grundidee aller Gewerkschaften: Sie werden als Bewegungen gegründet, um die Gesellschaft zu verändern. Warum ist diese Grundidee heute wichtiger denn je? Und wie gestalten Gewerkschaften heute Gesellschaft?

Soziale Ungleichheit und Kapitalismus im Bildungsbereich bekämpfen

Einer Kritik der Gesellschaft, so Barbara Madeloni, sollte immer eine Analyse ebendieser vorhergehen:
„Es geht nicht um gefühlte Wahrheiten, sondern um tatsächlich herrschende Ungerechtigkeit und Ungleichheit.“ Das Gefühl, die anderen seien an allem Schuld – zum Beispiel Geflüchtete, die vermeintlich Jobs wegnehmen –, sei kein Grund, die Gesellschaft infrage zu stellen. Dagegen müsse beispielsweise die Tatsache, dass Frauen mit gleicher Qualifikation, im gleichen Job, am gleichen Arbeitsplatz deutlich weniger verdienen, „aufs härteste bekämpft werden“.
Als großes soziales Problem macht Barbara Madeloni eine ungerechte Steuerpolitik aus: Gleich müsse „nicht immer fair“ bedeuten. Deshalb setzt sich die MTA für eine höhere Besteuerung von Millionär*innen und Milliardär*innen ein.
Der Kapitalismus in Form von Gewinnmaximierung, stetiger Flexibilisierung, Ausbeutung und Ungerechtigkeit sei grundlegend für die herrschenden sozialen Probleme, kritisiert Barbara Madeloni. Und genau diesem Kapitalismus hat die Lehrer*innengewerkschaft in Massachusetts den Kampf angesagt, denn auch Schulen seien „keine kapitalismusfreien Zonen“. Die MTA-Präsidentin sieht die Gefahr, dass Schulen das eigentliche Ziel – einer Persönlichkeitsentwicklung zur Mündigkeit und Unabhängigkeit – aus den Augen verlieren und sich stattdessen der Wirtschaft anbiedern. Die Folgen sind ihrer Meinung nach schon sichtbar: Immer häufiger finanzieren große Unternehmen beispielsweise Schulmaterialien, die die Firmenpolitik in ein besonders gutes Licht rücken. Es gibt auch in den USA den Trend, die Schulzeit zu verkürzen, um so dem Arbeitsmarkt möglichst früh zur Verfügung zu stehen, „obwohl die Persönlichkeitsentwicklung doch Zeit braucht“. Auch die Maxime des lebenslangen Lernens folge mittlerweile vor allem kapitalistischen Interessen und bedeute für Arbeitnehmer*innen am Ende nur, sich lebenslang den Anforderungen von Wirtschaft und Politik zu unterwerfen.
Ansatzpunkte für Veränderungen gibt es also genug. Dennoch meint Barbara Madeloni: Die Frage „Warum überhaupt Veränderung?“ sei für eine Gewerkschaft gar nicht die entscheidende. Denn in dem Moment, in dem sich Menschen zusammenschließen und organisieren, habe die Veränderung bereits begonnen. Viel wichtiger sei deshalb die Frage: Wie geht eigentlich Veränderung?

Die Macht der Vielen nutzen und demokratische Räume schaffen

Soziale Bedingungen könne niemand allein bekämpfen, das sei offensichtlich, so Barbara Madeloni.
„Aber in einer organisierten Gemeinschaft können die einzelnen Kräfte zu einer großen gebündelt werden.“
Die Gewerkschaft bezeichnet sie daher als „last line of defense“, also als letzte Instanz, wenn es um die Verteidigung von Menschenrechten geht. Es sei aber nicht nur die MTA, sondern es seien alle Gewerkschaften und auch etliche Nichtregierungsorganisationen, die diese Verteidigungslinie bilden. Letztendlich sei es nicht wichtig, wo man sich organisiert, sondern dass man sich organisiert. Genau aus diesem Grund dürfe eine Gewerkschaft auch nicht nur für die eigenen Mitglieder einstehen,  meint Barbara Madeloni, denn die Idee von Solidarität und Gerechtigkeit beziehe sich auf alle Menschen.
Die MTA-Chefin fordert die Schaffung „demokratischer Räume, in denen es möglich ist, kritisch zu sein“, die Gesellschaft zu hinterfragen und wenn nötig eine Veränderung herbeizuführen. Einen solchen Ort solle jede Gewerkschaft bilden. Deshalb versucht die MTA beispielsweise die Expertisen einzelner Mitglieder zu verknüpfen und damit informelle und unabhängige Lernräume zu schaffen. Aber auch jedes Klassenzimmer, jedes Jugendzentrum solle zu einem demokratischen Raum werden. Es sei die Aufgabe von Pädagog*innen Raum und Zeit zu schaffen, um Kritik zu üben und sich eine bessere Gesellschaft vorzustellen: „Die Hauptaufgabe von Pädagogik besteht darin, zu fragen, wie wir die Welt haben wollen und welche Werte uns wichtig sind.“ Deshalb seien Erziehung und Bildung immer politisch und Schulen politisch hochwichtige Orte. Barbara Madeloni betrachtet es als Aufgabe aller Lehrer*innen, die politische Meinungsbildung zu unterstützen – und zwar unabhängig von der individuellen Fächerkombination: „Weil der Kapitalismus die Gesellschaft so designt hat, dass es eine Menge Ungerechtigkeit gibt, sollten alle Lehrer*innen kritisch sein.“ Es dürfe nicht sein, dass hochbrisante Themen in bestimmten Fächern ausgespart werden, nur weil sie vermeintlich nicht zum Unterrichtsfach passen.

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