Soziale Spaltung verringern

Digitalisierung in der Weiterbildung

In der Weiterbildung gilt bisher: Wer hat, dem wird gegeben. Blickt man auf die Weiterbildung in Deutschland, wird klar: Wer sie am dringendsten braucht, hat selten eine Chance auf Qualifizierung. Die Digitalisierung von Bildung kann dazu beitragen, diese Diskrepanz aufzuheben.

Hochqualifizierte nehmen laut Deutschem Weiterbildungsatlas dreimal so oft an Weiterbildungsangeboten teil wie Geringqualifizierte – 22,5 Prozent gegenüber 6,7 Prozent, in NRW liegt die Quote sogar nur bei 4,9 Prozent. Zudem zieht sich der Staat aus der Förderung zurück. Die Studie „Weiterbildungsfinanzierung in Deutschland“ der Bertelsmann Stiftung belegt: Um ganze 41Prozent – oder 6,1 Milliarden Euro – sanken die öffentlichen Ausgaben für Weiterbildung von 1995 bis 2012. Diese Kürzungen gehen zulasten derer, die auf Unterstützung angewiesen sind und verschärfen soziale Ungleichheit.
Die Digitalisierung hat das Potenzial, mehr Menschen Weiterbildung zu ermöglichen. So sind digitale Bildungsangebote immer, überall und für jeden verfügbar. Personalisierte und spielerisch gestaltete Lerninhalte, die sich dem Lernstil sowie Lerntempo anpassen, wirken motivierend. Online-Lerngruppen fördern den Kompetenzerwerb im Austausch mit anderen. Badges und Microcredits – also digitale Zertifikate und Nachweise – machen die erworbenen Kompetenzen im beruflichen Kontext verwertbar. Wenn passgenaue Angebote für jede Lernerin und jeden Lerner bereitstehen und Gelerntes stärker als bisher anerkannt wird, kann die Digitalisierung die soziale Spaltung in der Weiterbildung verringern.

Passgenaue Angebote führen jede und jeden zum Lernerfolg

Wer in der Weiterbildung tätig ist, weiß: Die Heterogenität der Lernenden ist der Normalfall. Erwachsene LernerInnen bringen viele Vorerfahrungen mit. Digitale Angebote können dafür personalisierte Lernwege bereitstellen. Aufeinander aufbauende Lerneinheiten, gesteuert von intelligenten Algorithmen, passen sich den Voraussetzungen der Lernenden an. Durch Feedback und kontinuierliche Fortschritte wird Lernen zum Erfolgserlebnis. Spielerische Lernformen machen Weiterbildung auch für Bildungsferne attraktiver.
Damit diese Potenziale genutzt werden, braucht es Investitionen. Dann können exzellente Lerninhalte zu geringen Kosten für viele angeboten werden. Bildungsanbieter müssen ihr pädagogisches Personal fortbilden, denn diese KollegInnen sind der Schlüssel, um digitale Bildung umzusetzen. Der Staat sollte für Lerninhalte und Fortbildung ausreichende Mittel bereitstellen und ein klares Signal aussenden, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. „Veränderungen werden nur dann gelingen, wenn die Technik als Hilfsmittel und nicht als Ersatz für Lehrpersonal verstanden wird. Die Digitalisierung ist keine Einladung, unter dem Deckmantel des Fortschritts Kosten einzusparen“, so die Bildungsexperten Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt in ihrem Buch „Die digitale Bildungsrevolution“.

Digitale Zertifikate schaffen Anschlüsse zwischen Bildung und Beruf

Kompetenzen sind dann beruflich verwertbar, wenn sie durch ein Zertifikat bescheinigt werden. Das gilt vor allem auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wie der „Expertenmonitor Berufliche Bildung 2015“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervorhebt. Ein Großteil des berufsrelevanten Wissens wird jedoch informell erworben. Der IT-Bereich greift diese Erkenntnis bereits auf und rekrutiert MitarbeiterInnen über digitale Plattformen oder Tests. Digitale Badges und Microcredits machen das individuelle Kompetenzprofil der LernerInnen sichtbar. Werden diese digitalen Kompetenznachweise nach einzelnen Lernschritten vergeben, motiviert das die Lernenden und vereinfacht die Anerkennung der Kompetenzen durch ArbeitgeberInnen.Um diese Potenziale zu nutzen, braucht es standardisierte Formen digitaler Kompetenznachweise, die bei ArbeitnehmerInnen wie ArbeitgeberInnen anerkannt sind. Zudem sollten Betriebe digitale Bildungsangebote für alle MitarbeiterInnen anbieten. Vonseiten des Staates braucht es dazu eine integrierte Strategie, die das Potenzial der Digitalisierung und Anschlüsse an die Arbeitsmarktpolitik aufzeigt. Wenn dies gelingt, fassen Dräger und Müller-Eiselt treffend zusammen, „wird die digitale Revolution nicht nur Lernprozesse, sondern auch gesellschaftliche Strukturen verändern. Wenn bisher Abgehängte Zugang zu günstiger und guter Bildung erhalten, wenn Können mehr zählt als Titel“, führt das zu einer faireren Gesellschaft.


Monika Fischer, Projektmanagerin im Programm „Lernen fürs Leben“ der Bertelsmann Stiftung

Frank Frick, Direktor im Programm „Lernen fürs Leben“ der Bertelsmann Stiftung

Foto: Sergey Nivens 7 fotolia.com

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2 Kommentare
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  1. Monika FischerAnbei auch unsere passende Präsentation
    https://blog.aus-und-weiterbildung.eu/mehr-chancengerechtigkeit-durch-digitale-bildung/
    1. Nicht alles so vorbehaltlos hinnehmenEin Artikel von zwei Bertelsmännern über ein Buch des Bertelsmann-Vorstands.... Ich hätte einer GEW-Publikation etwas mehr Kontroversität zugetraut!
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