Auf gutem Weg zu einer Schule für alle

Fünf Jahre Sekundarschule – eine Standortbestimmung

Fünf Jahre sind vergangen und der Schulkonsens hat in vielen Teilen NRWs für eine Neuordnung der Bildungslandschaft gesorgt. Im August 2016 veröffent-lichte die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Studie mit der Fragestellung, wie sich die Schullandschaft durch den Schulkonsens verändert hat. Der Sekundarschule stellt die Studie kein gutes Zeugnis aus – zu Unrecht, meint die GEW NRW.

Von den 117 Sekundarschulen im Land seien schon drei in Gesamtschulen umgewandelt worden und neun müssten ernsthaft um ihr Weiterbestehen bangen, so die Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Wenige Chancen gebe man der Sekundarschule, insbesondere dann, wenn es in unmittelbarer Nähe eine Gesamtschule gebe. Ihre Überlebensnische sehe man im ländlichen Raum, wo sie je nach Ausgestaltung der dortigen Schullandschaft als Restschule für alle SchülerInnen fungiere, die nicht das Gymnasium besuchen. Die Sekundarschule, bilanziert die Studie, sei aus Sicht der Eltern und der Kommune die schlechtere Wahl, denn die Kinder müssten nach der zehnten Klasse die Schule und manchmal sogar die Stadt verlassen, um einen weiterführenden Abschluss zu erwerben. Ein düsteres Fazit für eine Schulform, die als Schule der Zukunft gestartet ist.
Den circa 3.400 KollegInnen und 38.851 SchülerInnen an 114 Sekundarschulen in NRW wird dieses Fazit nicht gerecht. Und auch nicht den Tausenden Eltern, die ihre Kinder diesen noch neuen Schulen anvertraut haben. Im Vergleich zu anderen Schulformen eine vielleicht kleine Anzahl von Personen, die aber in einem spannenden, abwechslungsreichen, kreativen und fordernden Schulumfeld lernt, arbeitet und mitgestaltet.

SchülerInnen: Gemeinsames Lernen nahe dem Wohnort

Den SchülerInnen ist die Umstellung auf die neue Schulform wohl am leichtesten gefallen. Sie besuchen eine Schule nah an ihrem Wohnort, gemeinsam mit vielen MitschülerInnen aus ihren Grundschulen, ohne auf einen Bildungsgang festgelegt zu sein. Im Jahrgang 2015 / 2016 haben 49 Prozent der Lernenden Übergangsempfehlungen für die Hauptschule, 43 Prozent haben Realschul- und acht Prozent Gymnasialempfehlungen. Die Mehrzahl der SekundarschülerInnen wird teilintegriert unterrichtet: In den Klassen 5 und 6 lernen sie gemeinsam im Klassenverband, in der siebten Klasse belegen sie dann Grund- und Erweiterungskurse in den Hauptfächern. Ein Fünftel aller Sekundarschulen unterrichtet sogar komplett integrativ. Nur zwei Schulen unterrichten kooperativ und bieten zwei Bildungsgänge parallel an. Der überwiegende Teil der Sekundarschulen orientiert sich somit an der Sekundarstufe I der Gesamtschulen, ebenso die Lehrpläne. Welchen Abschluss die SchülerInnen einmal erhalten werden, das wird sich in den kommenden Jahren ihrer Schullaufbahn noch herausstellen. Ein Manko, das auch die MacherInnen der Studie erkannt haben, denn es gibt noch keine Daten über die erreichten Abschlüsse der SekundarschülerInnen, und Prognosen sind nur schwer möglich.

Eltern: Eine große Chance, Schule mitzugestalten

Die Eltern waren mutig, als sie ihre Kinder 2012 an den ersten gegründeten Sekundarschulen anmeldeten. Sie wussten nicht, ob die Schulform überhaupt zustande kommen würde und wenn ja, wie erfolgreich die neue Schule am Wohnort arbeiten würde. Allerdings begriffen viele, dass sich hier eine große Chance für sie bot, die Schule aktiv mitzugestalten. So arbeiteten sie als ElternvertreterInnen in der Schulpflegschaft mit, gründeten zügig Fördervereine für die neuen Schulen und saßen oft stundenlang in den noch sehr kleinen Schulkonferenzen, um über die Ausrichtung der Schule mitzubestimmen. Nach außen hin standen sie anderen Eltern Rede und Antwort, warum sie gerade diese Schule für ihr Kind ausgewählt haben und keine andere. Die Eltern stellen an den neu gegründeten Schulen einen nicht unerheblichen Erfolgsfaktor dar. Deshalb trifft auch sie das Urteil der Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung hart.

LehrerInnen: Raum für Ideen und hohe Belastung

Die Sekundarschule gilt mit einer SchülerInnen-LehrerInnen-Relation pro Stelle von 16,27, einem Klassenfrequenzrichtwert von 25 SchülerInnen pro Klasse und einem Stundendeputat von 25,5 Stunden als eine Schule mit guter Ausstattung. Trotzdem können die Belastungen des Aufbaus so nicht aufgefangen werden.
Knapp 3.400 KollegInnen unterrichten im Schuljahr 2015 / 2016 an den 114 Sekundarschulen und ähnlich wie seine SchülerInnenschaft ist auch das Kollegium jeder Schule heterogen zusammengesetzt. LehrerInnen aus allen Schulformen arbeiten eng zusammen. Zu Beginn jeden neuen Schuljahres erweitert sich das Kollegium durch Versetzungen und Neueinstellungen. All diese neuen KollegInnen müssen in das Team integriert und eingearbeitet werden. Und trotz der vielen Personalbewegungen sind die wenigsten Schulen voll besetzt: Die durchschnittliche Stellenbesetzung liegt laut Schul-Informations- und -Planungs-System (SchIPS) für die Schulaufsicht nur bei 96 Prozent, sollte bei Schulen im Aufbau aber eigentlich bei 110 Prozent liegen. Der Mangel an KollegInnen zeigt sich insbesondere in den Fächern Chemie oder Physik, da diese Fächer ab der Klasse 9 von den Lernenden als Erweiterungskurse belegt werden sollen.
Das Auseinanderklaffen von konzeptionell festgeschriebenen Vorstellungen und der schulischen Realität ist ein Thema zahlreicher Diskussionen. An den Schulen im Aufbau wird in den Kollegien viel diskutiert, konzipiert und evaluiert. Über den Unterricht in den heterogenen Lerngruppen hinaus empfinden die Kollegien die vielen und langen Konferenzen als Belastung. Alles muss scheinbar neu erarbeitet werden und das in einer Qualität, die jeder Bewertung von außen und innen standhält. Hinzu kommen weitere Schwierigkeiten im Arbeitsalltag, wie Abordnungen an andere Schulen oder Fahrten zu Teilstandorten. Häufig hakt es auch einfach in der Organisation der stetig wachsenden Schulen: Stundenpläne unter Einbeziehung von Teilstandorten, Abordnungen, Kurswahlen und Sporthallenzeiten werden zu logistischen Herausforderungen. Genauso schwer ist es, den Informationsfluss für alle KollegInnen zu gewährleisten.
Viele allerdings schätzen die Arbeit in einem jungen Team – die Hälfte der KollegInnen an Sekundarschulen ist unter 40 Jahre alt – und die Möglichkeit, sich in die Schulgemeinschaft einzubringen. Der Wegfall gewachsener Strukturen ist in diesem Fall für manchen die Gelegenheit, seine Ideen in der Schule zu verwirklichen.

Schulleitung: Heterogenität managen und Innovation anstoßen

Kooperation und Innovation, das scheinen die wichtigsten Aufgaben der Schulleitung einer aufbauenden Schule zu sein. Ulrich Vornholt, Leiter der Sekundarschule Ahlen, hat sich in der nds 8-2016 treffend zum Schulstrukturwandel geäußert: Es sei eine Herausforderung gewesen, aus den 70 KollegInnen ein Team zu formen, das auf die heterogene Schülerschaft individuell eingeht. Weiterhin gebe es im Alltag noch viele Querverbindungen zu anderen Schulen, zum Beispiel zu den auslaufenden Real- und Hauptschulen. Wie Ulrich Vornholt haben viele SekundarschulleiterInnen zuvor eine nun auslaufende Schule geleitet. Das verspricht zum einen Kontinuität, fordert aber auch viel Innovationsgeist von den Leitenden, um diese neue Schulform mit Leben zu füllen.

Standort: Kommunen stärken und Schulen erhalten

Die überwiegende Zahl der Neuerrichtungen von Sekundarschulen ist in ländlichen Kommunen anzutreffen, während man in Großstädten häufig neu gegründete Gesamtschulen findet. Für die Entstehung einer Sekundarschule vor Ort gibt es viele Gründe. Der häufigste mag sein, dass viele Gemeinden ein gegliedertes Schulsystem vor Ort nicht mehr anbieten können, da die SchülerInnenkapazitäten nicht ausreichen. Durch die Bildung einer Schule des Gemeinsamen Lernens bleibt der Schulstandort erhalten. Nur wenige Kommunen entscheiden sich, das Gymnasium aufzulösen, um eine Gesamtschule zu bilden. Diesen Umstand kann man den Sekundarschulen nicht ankreiden. Trotz aller Kritik der Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Sekundarschulen stärken den Standortfaktor der Kommunen. Sie verhindern, dass Kinder aus der Stadt auspendeln, um andere Schulen zu besuchen, und sie stärken durch ihre Kooperationsvereinbarungen die weiterführenden Schulen vor Ort.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Schule für alle

Der Weg zu einer Schule für alle ist noch weit, aber die Sekundarschule leistet ihren Beitrag. In vielen ländlichen Kommunen erschien es bis vor fünf Jahren undenkbar, eine Schule des Gemeinsamen Lernens zu installieren; zu tief hatten sich tradierte Vorstellungen in den Köpfen festgesetzt. Hier schlägt die Sekundarschule eine Brücke. Nicht nur, dass die Sekundarschulen Schulstandorte sichern – sie arbeiten vielerorts sehr erfolgreich und vor allem innovativ. Der bestmögliche Abschluss für jedes Kind ist wohl das grundsätzliche Leitmotiv jeder Sekundarschule und hier erkennt die Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung ihr eigenes Manko: Prognosen über die Qualität der Abschlüsse sind noch nicht möglich. Die Schulform Sekundarschule schon in Anfängen kleinzureden, ohne ihr die Chance eines vollständigen Aufbaus zu geben, das geht nicht und passt auch nicht zur Arbeitsweise der Schulen.  So wie die Lernenden an der Sekundarschule die Chance haben, sich individuell zu entwickeln, wünschen sich auch die KollegInnen vor Ort die Möglichkeit, die Sekundarschule weiter als neue Schulform aufzubauen.


Kirsten Eilbrecht
Leitungsteam der Fachgruppe Sekundarschule der GEW NRW

Fotos (v. o. n. u.): zettberlin, Plutonika SR / photocase.de

 

Fachgruppe Sekundarschule

Mach mit!

Die Fachgruppe Sekundarschule der GEW NRW ist eine junge Fachgruppe, denn genau wie unsere Schulen sind auch wir erst vor Kurzem gegründet worden. Und wir wollen weiter wachsen: Deshalb suchen wir KollegInnen, die mitmachen möchten.
Ebenso wie die Kollegien an den neu gegründeten Schulen sind auch wir bunt zusammengesetzt und bringen unsere Erfahrungen in die Fachgruppenarbeit ein. Unsere Fachgruppe setzt sich mit den besonderen Anforderungen der Schulform auseinander und vertritt die Interessen der Beschäftigten in den verschiedenen Gremien der GEW NRW. Besonders wichtig ist uns, Rückmeldungen aus den Schulen zu bekommen, Austausch zu ermöglichen und uns landesweit zu vernetzen. Unsere Schulform wächst stetig und deshalb möchten wir euch für die Mitarbeit in der Fachgruppe Sekundarschule gewinnen. Wir treffen uns vier bis sechs Mal im Schuljahr, tauschen uns über die Arbeit an unseren Schulen aus, stimmen uns mit dem GEW-Landesvorstand ab und planen Veranstaltungen.
Ihr möchtet als Gast bei unserem Fachgruppentreffen dabei sein? Dann meldet euch per Mail bei einem Mitglied des Leitungsteams:  
Dirk Trombern:    trombern@hotmail.de
Stephan Kosmahl:    stephan.kosmahl@web.de
Kirsten Eilbrecht:     kirsten.eilbrecht@arcor.de

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