Älterwerden und Pflege – das Wie gestalten!

Der alte Spruch aus dem Dorf, dass man von alleine älter wird und sich deshalb darum nicht kümmern muss, war schon immer falsch. Es ist eben doch nicht egal, wie man älter wird. Und man hat – begrenzt, klar – Einfluss darauf. Wir sind nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Das gilt auch fürs Älterwerden.

Älterwerden und Pflege – das Wie gestalten!

Nicht alle Menschen werden altersbedingt pflegebedürftig, längst nicht alle. Und auch nicht gleich früh. Die Tendenz ist demografisch bestimmt. Die Lebenserwartung ist auf über 80 Jahre im Durchschnitt gestiegen und steigt weiter. Die geburtenstarken Jahrgänge wachsen ins Senior*innenalter. Gleichzeitig kommen geburtenschwache Jahrgänge ins Erwerbsalter. Das bringt allgemein Spannung in die Systeme der Sozialversicherungen.

Pflegeberufe aufwerten – auch durch Tarifverträge

Und es verstärkt eine Frage sehr deutlich: Woher soll der Nachwuchs in den Sozialberufen kommen, speziell im Bereich der Pflege, noch genauer: der Altenpflege? Da klemmt es schon jetzt erheblich und die Sache spitzt sich erkennbar weiter zu. Die Bundesregierung hat nun die KAP (Konzertierte Aktion Pflege) gestartet. Das ist ein richtiger Schritt. Der soll und muss auch schnell in 2019 zu wirksamen Konsequenzen führen. Der Beruf der Altenpfleger*innen – als Fachkräfte und als Hilfskräfte – muss aufgewertet werden, verlässlich, strukturell, dauerhaft. Die Löhne müssen endlich überall in dieser Branche angemessen und verbindlich sein und die Arbeitsdichte muss so gestaltet sein, dass hinreichend Zeit bleibt für individuelle, an berechtigten Bedürfnissen orientierte Pflege. Auch an Wochenenden. Auch im Sterben, auf der letzten Strecke des Lebens.
Dazu sind ordentliche Tarifvereinbarungen mit Flächenbindung unverzichtbar. Die Löhne werden auch in dieser Branche nicht staatlicherseits bestimmt werden können. Je schneller die hier Beschäftigten ihre Kräfte bündeln und handlungsstarke Arbeitnehmer*innenvertretungen bilden, umso schneller kann die nötige Bewegung entstehen. Starke Gewerkschaften und seriöse Arbeitgeberverbände haben sich in unserer Demokratie als gute Basis für eine gerechte Lohnpolitik und akzeptable Arbeitsbedingungen erwiesen. Das ist auch in dieser Branche dringend anzuraten. Interessenvertretung ist unentbehrlich.
Auch die Akademisierung muss beim Altenpflegeberuf größeres Gewicht bekommen. Und bei der generalistischen Ausbildung muss garantiert sein, dass der Altenpflegeteil in Konkurrenz zu Kranken- und Kinderpflege sich als gleichberechtigt erweisen kann. Zum Gesamtkonzept gehört endlich auch eine rechtzeitige, niedrigschwellige Herangehensweise, in Form von Alltagshilfe und Betreuung. Prävention lohnt sich, für die Betroffenen sowie auch volkswirtschaftlich.

Pflege zu Hause und neben dem Beruf stärken

Parallel muss die Politik prüfen, wie die Pflege zu Hause – durch die Familie – angemessen gestärkt werden kann. Beratung muss frühzeitig angeboten und auch angenommen werden. Im Alltag ist ein Netz aus Angehörigen, ambulanten Pflegediensten und ehrenamtlichen Helfer*innen notwendig. Beruf und Pflege müssen besser vereinbar werden. Wir brauchen eine Pflegezeit analog zur Elternzeit. Darüber soll auch erreicht werden, dass sich mehr Männer in der Pflege engagieren. Ohne diese und weitere Maßnahmen wird aus dem oft zitierten Notstand eine Katastrophe. Es ist höchste Zeit. Die KAP muss auf der Dringlichkeitsliste der Regierung ganz vorne bleiben.
Wir werden in dieser Zeit relativ gesund alt und viel hängt davon ab, wie wir ins Älterwerden starten und wie wir es gestalten. Wer den Tank ziellos leerfährt, lässt gute Lebenszeit ungenutzt. Es lohnt sich, neugierig zu bleiben, zu lernen und in Bewegung zu sein, Kontakte zu suchen und zu pflegen. Es gibt viele spannende Chancen: Zivilgesellschaftliches Engagement bei Alten und Jungen und das Ehrenamt gehören dazu. Zu tun gibt es viel. Für jede*n.


Franz Müntefering
Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen

Foto: Halfpoint/Fotolia

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