Gemeinsames Lernen kompetent unterstützen

Coaches für inklusive Bildung

Inklusion ist mehr als das Bauen von Rollstuhlrampen: Um das Gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Handicap möglich zu machen, braucht es vor allem eines: Den richtigen Blick und die Empathie für die Wünsche, Ängste, aber auch die Potenziale von Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern. Das wissen auch die „Coaches für inklusive Bildung“.

Was tun, wenn ein Kind aufgrund einer Hörschädigung im Unterricht nicht mitkommt? Wie stellt man sicher, dass körperlich-motorisch eingeschränkte Schüler*innen in einer Krisensituation schnell und sicher das Gebäude verlassen können? Wo bekommt man Lehrmaterial in leichter Sprache her und wie kann man Kinder mit emotional-sozialem Förderbedarf am besten im Unterricht unterstützen? Alles Fragen, mit denen sich Schulleitungen, Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen, Eltern, aber auch Behörden auseinandersetzen müssen. Denn durch das 9. Schulrechtsänderungsgesetz sind Schulen in NRW dazu verpflichtet, Kindern mit Förderbedarf einen Platz an einer Regelschule anzubieten. Für Eltern und Schüler*innen mit Handicap ist das ein wichtiger Schritt zur Teilhabe, für viele Schulen bedeutet das aber vor allem eines: jede Menge offene Fragen.

Den Nachteil zum Vorteil machen

Fragen, die die Mitarbeiter*innen vom Kölner Pilotprojekt „Coaches für inklusive Bildung“ kennen und kompetent beantworten können. Gestartet sind die Coaches für inklusive Bildung –
kurz:  CiB – im Mai 2015. Das Konzept: Neun Akademiker*innen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen beraten und begleiten Kölner Schulen auf ihrem Weg zur inklusiven Schule. Der Kölner Elternverein mittendrin e. V., der sich seit mittlerweile zehn Jahren erfolgreich in der Elternberatung von Kindern mit Förderbedarfen engagiert, hat die Idee zu dem Projekt gemeinsam mit der Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit entwickelt.
 „Wir als neutrale externe Beobachter*innen haben aufgrund unseres eigenen Handicaps und unserer Lebenserfahrung einen ganz speziellen Blick von außen auf das System Schule“, erklärt Projektleiter Andreas Huckschlag, selbst stark sehbehindert. „Wir machen, könnte man sagen, unseren Nachteil zum Vorteil. Wir beraten nicht nur in Sachen Barrierefreiheit, sondern unterstützen auch bei der Anschaffung von Hilfsmitteln, zum Beispiel Mikrofonanlagen, damit hörgeschädigte Schüler*innen dem Unterricht besser folgen können. Wir sind Ansprechpartner*innen für Lehrer*innen, organisieren Fortbildungen und beraten bei der Gestaltung und Durchführung von inklusiven Klassenfahrten.“
Gefördert wird das vorerst auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds. Projektpartner sind der Kölner Elternverein mittendrin e. V., das Amt für Schulentwicklung der Stadt Köln, die ZAV der Bundesagentur für Arbeit und als Evaluationspartnerin die Universität zu Köln.
Lobende Erwähnung fand das Projekt „Coaches für inklusive Bildung“ unter anderem bei einer Anhörung im Schulausschuss des Landtages NRW. Sigrid Beer, bildungspolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen betonte, dass eine solche Unterstützung für alle Schulen des Gemeinsamen Lernens wünschenswert wäre.

Gemeinsames Lernen kompetent unterstützen

Inklusion ist ein Prozess

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die neun Coaches je nach den Bedarfen der inzwischen 19 Kölner Schulen, mit denen sie kooperieren, ganz unterschiedliche Rollen einnehmen. „Inklusive Schulentwicklung ist ein Prozess.
Und so prozesshaft ist auch unsere Arbeit“, berichtet Andreas Huckschlag. „Sie entspricht immer auch den persönlichen Erfahrungen aus der eigenen Peer-Perspektive und dem beruflichen Hintergrund.“
Die Dauer der Unterstützung kann unterschiedlich ausfallen und sich auch nur auf ein kurzes Zeitfenster beziehen. „Manchmal reichen kleine Veränderungen, um einem Kind mit Förderbedarf das gemeinsame Lernen zu erleichtern“, erklärt Coach Tanja Schäfer. Sie ist hörgeschädigt. „Ein großer Gewinn kann zum Beispiel das Einführen eines Erzählsteins sein. Dann darf immer nur das Kind reden, das den Stein in der Hand hat. Durch den gesenkten Lärmpegel kann dann das Kind mit Hörschädigung dem Unterricht viel besser folgen.“
Im Evaluationsprozess finden in regelmäßigen Abständen Interviews mit den Schulleitungen der Kooperationsschulen sowie Befragungen von Eltern und Lehrer*innen über ihre Erfahrungen mit den Coaches und deren Arbeit statt.

Kompetente Begleiter*innen – auch in der Zukunft

Aus Sicht des Projektleiters Andreas Huckschlag ist in Sachen inklusiver Schulentwicklung noch viel zu tun: „Es gibt schon viele positive Beispiele von Schulen, die das Gemeinsame Lernen nicht nur durchführen, sondern auch leben. Dennoch sind wir mit unserer Arbeit lange nicht am Ende. Es gibt noch viele Herausforderungen.“
Eine dieser Herausforderungen: die Inklusion von Schüler*innen an Berufskollegs. Denn auch wenn der inklusive Unterricht an Grund- und weiterführenden Schulen sich zunehmend entwickelt, ist es aus Sicht der CiB besonders wichtig, dass nach dem Schulabschluss in der Sekundarstufe I mit dem Gemeinsamen Lernen nicht Schluss sein darf.

Saskia von der Burg
Mitarbeiterin im Projekt „Coaches für inklusive Bildung“

Ulrike Müller-Harth
Mitarbeiterin im Projekt „Coaches für inklusive Bildung“

Fotos: luxuz::., a_sto /photocase.de

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