Eine Sprache, die alle anspricht

Geschlechtergerecht sprechen

Mit der deutschen Sprache ist es nicht immer einfach. Wer sich um eine Ausdrucksweise bemüht, die alle Menschen berücksichtigt und niemanden benachteiligt, stößt schnell an sprachliche Grenzen. Aber eine Sprache, die alle anspricht, ist möglich – und macht vielleicht sogar Spaß.

Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch hat sich schon in den 1970er Jahren intensiv mit dem Thema Sprache und Geschlecht auseinandergesetzt. Damals erschien im Suhrkamp Verlag ihr Buch „Das Deutsche als Männersprache“ mit kleinen Aufsätzen und Glossen. In einem der Texte erzählt sie von einem Sprachwissenschaftler aus einer Berliner Männergruppe. Von ihm hatte Luises „Provinzohr“ das Wort „Mitgliederinnen“ aufgeschnappt. Als Sprachwissenschaftlerin erklärte sie ihrem Kollegen, dass „das Mitglied“ geschlechtsneutral sei. Doch er und viele andere in der Westberliner Szene zeigten sich davon unbeeindruckt und sprachen weiterhin von „Mitgliederinnen und Mitgliedern“. Einige lehnten allerdings auch diese Formulierung ab. Denn wo käme das Wort „Mitglied“ denn her? Damit seien doch Personen „mit Glied“ gemeint, oder nicht? Und gerade an dieser Stelle unterscheiden sich doch die Geschlechter. Deshalb erfanden ein paar Frauen das kecke Wort „Mitklitoris“. Vielen ging es wohl aber nicht so leicht über die Lippen, denn bald darauf gab es die Kurzform „Mitklit“, was fast schon wieder wie „Mitglied“ klang. Zur Vermeidung von Missverständnissen kreierte deshalb eine Bekannte von Luise das Wort „Mitfrau“, die es fortan in manchen Frauengruppen und Frauenvereinen gab.

Sprache beeinflusst Wahrnehmung und Bewusstsein

Diese Episode von Luise F. Pusch spielte vor vielen Jahren. Sie mag amüsieren, Kopfschütteln hervorrufen oder gar verärgern. Festzustellen bleibt allerdings: Wir haben auch im Jahr 2017 noch nicht für jedes Problem der deutschen Sprache eine Lösung gefunden. Die meisten der über 49.000 Menschen, die in der GEW NRW organisiert sind, würden sich heute wohl problemlos als Mitglieder bezeichnen. Aber schon bei der konkreten Anrede, die alle einschließen und niemanden diskriminieren soll, wird es tückisch. Einzelne mögen sich jetzt fragen, ob dieser ganze Aufwand überhaupt notwendig ist. Wo ist denn eigentlich das Problem, wenn es sprachlich nur Professoren, Schulleiter, Lehrer, Schüler, Erzieher und Sozialpädagogen gibt? Mit diesen Bezeichnungen sind doch alle gemeint, oder?
Um Fragen wie diese zu beantworten, lohnt sich zunächst ein Blick auf die wissenschaft-lichen Erkenntnisse: Viele sprachwissenschaftliche Forschungen untersuchen die Perzeption, also den Einfluss von sprachlichen Formen auf Wahrnehmung und Bewusstsein. Diese zeigen durchgängig, dass bei der Verwendung von Personenbeschreibungen in der männlichen Form auch Männer assoziiert werden. So haben zum Beispiel Studien nachgewiesen, dass sich auf Stellenausschreibungen, in denen nur die männliche Berufsbezeichnung genannt wird, tatsächlich weniger Frauen bewerben. Werden für eine Kommission nur Experten gesucht, gibt es am Ende kaum Frauen in diesem Gremium. Und auch bei Berufen, die mehrheitlich Frauen ausüben, wird mit der Verwendung der männlichen Form in der Regel ein Mann assoziiert. Diese Forschungsergebnisse sind übrigens noch eindeutiger bei Kindern: Selbst wenn diese in ihrem eigenen Leben bisher nur Erzieherinnen kennengelernt haben, denken sie bei Erziehern an Männer.
Die Benutzung von männlichen Personenbezeichnungen für alle führt also zu vielen Fehlschlüssen. Und der feministische Vorwurf, dass Frauen bei der Verwendung der maskulinen Grammatikform nicht mitgedacht und unsichtbar gemacht werden, ist tatsächlich richtig. Spätestens an dieser Stelle wird klar: Sprache ist nicht nur ein bloßes Kommunikationsmittel. Mit ihr werden nicht einfach nur Informationen übermittelt und Wirklichkeit beschrieben. In der Sprachtheorie ist es unstrittig, dass Sprache auch Wirklichkeit konstruiert. Sie beeinflusst Wahrnehmungen, Haltungen und Normen. Und deshalb ist ein geschlechterbewusster, inklusiver Sprachgebrauch notwendig. Doch wie kann der konkret aussehen?

Sprachhandeln reflektieren

Lösungsansätze gibt es einige: So wurde beispielsweise an der Universität Leipzig 2013 die Grundordnung überarbeitet. Viele fanden die ständige Nennung der weiblichen und männlichen Form wie Professorinnen und Professoren im Text zu aufwändig. Deshalb wurde kurzerhand ein ungewöhnlicher Beschluss gefasst: In der gesamten Grundordnung gibt es nur noch feminine Personenbezeichnungen – und in einer Fußnote wird erklärt, dass Männer immer mitgemeint seien.
Auch die Sozialpsychologin Gisela Steins und ihr Kollege Norbert Nothbaum finden die ständige Nennung der weiblichen und männlichen Form zu anstrengend. Deshalb schlagen sie die stochastische Genuswahl vor. Das klingt kompliziert, ist aber ganz einfach: Beim Schreiben eines Textes wird einfach per Münzwurf entschieden, ob bei allgemeinen Personenbezeichnungen die weibliche oder männliche Form verwendet wird. Gisela Steins und Norbert Nothbaum weisen am Anfang ihrer Texte kurz auf dieses Verfahren hin – und anscheinend lassen sich die Lesenden der Texte von den wechselnden Personenbezeichnungen nicht verwirren.
Wer die Bezeichnung von Personen gern dem Zufall überlassen will, findet im Leitfaden für eine geschlechtersensible und inklusive Sprache der Universität Köln Hilfe. Dieser enthält eine Bastelvorlage für einen „Würfel für Unentschlossene“, der allerlei Formen und Wortendungen bereithält. So finden sich darauf viele geschlechtsneutrale Formulierungen wie Schulleitung, Lehrkräfte oder Personalvertretung und es wird gezeigt, dass sich auch durch die Substantivierung von Verben Bezeichnungen oft geschlechtlich neutralisieren lassen. Also statt Studentinnen und Studenten lieber Studierende, so wie es sich heute im Sprachgebrauch vieler Hochschulen durchgesetzt hat. Bisher ist allerdings ungeklärt, ob nicht auch hiermit eher Männer assoziiert werden.
Und der Würfel hält noch weitere Varianten bereit: Die Doppelnennung lässt sich nämlich verkürzen, beispielsweise durch das große Binnen-I wie in MitarbeiterInnen. Das Binnen-I haben die Grünen lange in ihren Wahlprogrammen und Beschlüssen verwendet. Auf einem Parteitag im letzten Jahr haben sie sich dann für den Gender Star entschieden. Durch das Sternchen oder auch einen Unterstrich werden Paarformeln gebildet, die immer noch die weibliche und männliche Form beinhalten. Worte wie Schüler*innen oder Lehrer_innen sparen Platz und lassen gleichzeitig sprachlich Raum für Menschen mit verschiedenen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten. Übrigens: Die Worte lassen sich mit einer kleinen Pause am Sternchen oder Unterstrich auch problemlos sprechen.
Personenbezeichnungen einfach würfeln? Lann Hornscheidt von der Humboldt-Univer-
sität zu Berlin möchte den Sprachgebrauch nicht dem Zufall überlassen. Mit der AG Feministisch Sprachhandeln hat Lann Hornscheidt Anregungen zum antidiskriminierenden Sprachhandeln herausgegeben und empfiehlt eine ständige Reflexion. Manche möchten beispielsweise nicht als Mann oder Frau angesprochen werden. Lann Hornscheidt selbst bezeichnet sich als Professx. Wem das zu befremdlich ist, liegt mit dem Gender Star erstmal richtig, denn diese Schreibweise gilt momentan in vielen Kontexten als „state-of-the-art“.

Mit Sprache offen und kreativ sein

Eine Verständigung auf die Verwendung des Gender Stars ist deshalb nur konsequent. Weiterhin lohnen sich folgende Fragen: Spreche ich alle an, die gemeint sind? Werden durch die Bezeichnung alle gleichermaßen sichtbar? Wie benenne ich Personen? Und welche Unterschiede mache und manifestiere ich damit?
Ansonsten ist mit Sprache natürlich vieles möglich. Sie ist lebendig und verändert sich dadurch, wie Menschen sie verwenden. Das ist eine Herausforderung, kann aber auch Spaß machen. Bei mir gibt es zum Beispiel Autor*innen, eine E-Mail-Verteilerin und das Anrufbeantwortende – ist ja schließlich das Gerät, nicht wahr? Die Nachrichten kommen schon irgendwie an, glaubt mir.

Ilke Glockentöger
gehört zum Leitungsteam des GEW-Bundesfrauenausschusses und ist Referentin für gendersensible Bildung

Foto: EzraPotent / photocase.de

 

Geschlechtergerecht schreiben

Gender Star in allen Publikationen der GEW NRW

Der Landesvorstand der GEW NRW hat beschlossen, eine gendergerechte Schreibweise in der nds ab Ausgabe 1 -2017 zu verwenden. Mit großer Mehrheit wurde dem „Gender Star“ zugestimmt (zum Beispiel Lehrer*innen). Durch diese Schreibweise sind auch alldiejenigen einbezogen und mitgedacht, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen können oder wollen. Das Sternchen steht als Platzhalter für  eine beliebige Anzahl und Kombinationen von Buchstaben. Transsexuelle, transgender und intersexuelle Personen werden nicht mehr unsichtbar gemacht und diskriminiert. Der Gender Gap erfüllt grundsätzlich den gleichen Zweck, aufgrund seiner Form wird der Gender Star jedoch vielfach als das treffendere Symbol für Vielfalt empfunden.Die nds-Redaktion hat für diese geschlechtergerechte Schreibweise einige Regeln aufgestellt und wird kontinuierlich eine Liste mit einzelnen, immer wiederkehrenden Schreibweisen erstellen. Die Regeln sowie die aktuelle Liste können in der nds-Redaktion abgerufen werden.Darüber hinaus hat der Landesvorstand festgelegt, dass die Regeln zur geschlechtergerechten Schreibweise mit der Umsetzung in der nds, also ab 2017, auch für alle anderen Publikationen der GEW NRW gelten.

Dorothea Schäfer
Vorsitzende der GEW NRW

Fritz Junkers
Redaktionsleiter der nds

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